09.04.2012

Wie Schiedsrichter Stimmungen gegen sich entfachen

Stichwort Fingerspitzengefühl

Lothar Beckenbreitners Sicht der Dinge

An dieser Stelle wurde schon länger nichts über Schiedsrichter geschrieben. Und das liegt ganz bestimmt nicht daran, dass diese Zunft keinen Anlass für ein paar Anmerkungen bieten würde. Nein, im Gegenteil, mehr und mehr verbreitet sich die Annahme, dass sich ein paar pieksende Bemerkungen zu den Männern in Schwarz, Gelb, Grün oder sogar Blau gar nicht lohnen, da die meisten Unparteiischen ohnehin kritik- und beratungsresistent daher kommen.

Eines muss ich an dieser Stelle betonen: Es gibt rühmliche Ausnahmen, und davon auch nicht wenige. Diese Herren und Damen, ältere und jüngere gleichermaßen, sind nicht gemeint und dürfen sich auch nicht angesprochen fühlen. Aber wie bei Fußballern gibt es eben auch eine größere Anzahl an Pfeifenmännern und –Frauen, deren Auftreten der gesamten Branche schaden. Vor allem die Oberliga- und Landesligatrainer und Manager und Betreuer werden jetzt eifrig mit den Köpfen nicken. Sie treffen Woche für Woche auf die gleichen Schiris und kennen ihre Pappenheimer. Da hört man schon mal kurz nach der ersten Begegnung abseits des Kabinengangs Kommentare der Trainer: „Na, das kann ja heute heiter werden…“ Und nicht selten werden diese Vorahnungen bestätigt.

viel zu häufig trennen die Referees weitaus mehr von den Mannschaften und ihren Begleitern als unterschiedliche Ansichten bezüglich strittiger Szenen. Und das liegt eben nicht immer nur an den „Vereinsbrillen“. Viele Schiedsrichter verstehen sich trotz ihrer Bezeichnung als „zwölfter Mann“ (das ältere Kaliber erinnert sich bestimmt noch an die „Seid fair zum zwölften Mann“-Aktion in den 80er-Jahren) eben nicht als Teil des Spiels, dafür umso mehr als eigene Institution, als Rechtsprechende, Rechtmachende und Recht-Interpretierende.

Auf zahlreichen Plätzen von der Oberliga bis zur Kreisliga – die unteren Ligen wegen fehlender Schiedsrichterassistenten mal ausgenommen – lassen sich da interessante Beobachtungen machen. Beispiel gefällig? Der Schiedsrichter pfeift ein Foulspiel im Mittelfeld. Trainer A hebt an der Seitenlinie die Arme und sagt: „Das gibt es doch nicht. Da war doch nichts!“ Alle wissen: Fußball ist eben nicht nur Spielen, Kämpfen und Tore schießen. Fußball ist auch Emotion. Doch anstatt die Trainerreaktion wortlos zur Kenntnis zu nehmen, sie eventuell sogar zu ignorieren,  lässt der Schiedsrichter den Freistoß gar nicht ausspielen, sondern schreitet machterhaben zur Seitenlinie. Manchmal holt er sich auch den Kapitän eines Teams und lässt ihn den „niederen Dienst“ der Trainerermahnung vollziehen. Was das alles bringen soll? Nichts. Oder doch: Die Partie wird mit einem völlig unnötigen „Nebenkriegsschauplatz“ versehen. Die Referees profitieren gar nicht davon.

Man kann von Unparteiischen halten, was man will. Keiner pfeift immer überragend, alle haben auch „schlechte Tage“ und übersehen schon mal eindeutige Situationen. Aber eines haben sie in manchen Fällen schon: ein gesundes Maß an Spielintelligenz. Wenn ein erboster Spieler oder Trainer sie zu einer Szene befragt, werden sie nicht verbal abgewatscht (Standardspruch vieler Referees: „Halten Sie den Mund, sonst gehen Sie gleich vom Platz!“), sondern auch mal mit einer Gegenfrage oder eine disziplinarischen Maßnahme überrascht. Auch wenn Schiedsrichter das Wort „Fingerspitzengefühl“ nicht gerne hören, so sollte es in jedem Handbuch für Unparteiische in GROSSBUCHSTABEN stehen. Mit einem Mix aus Regelkenntnis, Entschlossenheit, Autorität, Gelassenheit und eben Fingerspitzengefühl lässt sich fast jedes noch so hitzige Match über die Bühne bringen. Und eine Portion Schlagfertigkeit rettet fast jede Schiedsrichter-Mannschaft-Beziehung. Ein Beispiel aus der Kreisliga: Spieler M meckert ununterbrochen über vermeintliche Fehlentscheidungen. Der ermahnt ihn einige Male beiläufig. M setzt seine Motztiraden fort. Da unterbricht der Schiri die Partie, geht zu M hin und fragt ihn: „Wollen Sie jetzt weiter meckern? Falls ja, werden Sie das Ende des Spiels kaum erleben.“ M: „Aber…“ Der Schiri unterbricht: „Nichts aber. Wenn Sie sich Ihre Puste für die Torchancen und nicht für das Gemecker sparen würden, hätten Sie eine Ihrer drei Chancen vielleicht auch schon reingemacht.“ M nickt und geht, erzielt im Laufe des Spiels noch zwei Tore. Die Maßnahme des Schiris fand bei beiden Teams Anerkennung, die zuvor mitunter hitzige Atmosphäre war prompt erledigt.
Euer Lothar Beckenbreitner

Kommentieren