Mein Rheinfussball

27.12.2014

Homophobie im Fußball - Alltag in der Kreisliga

Der Diagoblog über Schwulenhass und Diskriminierung auf dem Ascheplatz.

Hitzelsperger ging den ersten Schritt, doch was bewegte es auf deutschen Ascheplätzen?

Fußball und Homosexualität, das sind keine Gegensätze. So zumindest die offiziellen Verlautbarungen von Funktionären und Vertretern des Profifussballbereiches. Es müsse mehr Mutige geben wie Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere geoutet hat. Er sei ein Vorbild und man hoffe, dass es ihm viele nachmachen. Ja, das ist lobenswert und erstrebenswert, aber nicht realistisch.

Der Fußball sieht sich selbst als “Männersport”. Und da Homosexuelle mit dem Vorurteil zu kämpfen haben, weiblicher zu sein als ihre Mitstreiter, haben sie keinen Platz in diesem patriarchalischen Mikrokosmos. Wir schreiben jetzt allerdings nicht über die Parallelwelt der Bundesligaprofis und setzen uns mit Spielerfrauen aus Agenturen auseinander, sondern gehen dahin, wo die Bekundungen der Funktionäre nicht mehr sind, als leere Worthülsen. Wir gehen mal wieder an die Basis.

Die Kreisliga ist eigentlich ungewollt ein Spiegel der Gesellschaft, denn dort sind alle Schichten Selbiger vertreten. Von Arbeitslosen über Studenten, Büroangestellte, Handwerker, Akademiker und Beamte: Sie alle stehen regelmäßig zusammen auf dem Platz und kicken miteinander. Das heißt, im Nachfolgenden geht es nicht um Sozialschwache, sondern Menschen “wie du und ich”. In diesem Fall beziehen wir uns ausschließlich auf die Herren-Mannschaften.

Die Wahrheit ist: Homophobie ist in vielen Vereinen in den unteren Ligen weniger ein Problem, sondern eher Normalität. “Schwul” ist keine Bezeichnung für eine sexuelle Ausrichtung, sondern eine Beleidigung, beziehungsweise ein Synonym für “scheisse” oder vorallem für “unmännlich” (abgeschwächt). Wenn zum Beispiel jemand einen “schwulen Pass” spielt, sich mit “Was war das denn Du Homo?” beschwert, oder bei Strafraumsituationen mit viel Körperkontakt “Bist du schwul oder was?” brüllt. Es ist analog zum Alltagsrassismus zu betrachten. Alltagshomophobie. Sprüche, die nicht gezielt Homosexuelle diffamieren, aber in ihrer Grundlage homophob sind und implizieren, es sei was Schlechtes, Schlimmes oder Falsches, schwul zu sein. Dabei ist der Umgang miteinander durchaus widersprüchlich. Griffe an nackte Körperteile und Schläge aufs Gesäß sind selbstverständlich, unverbindlich und gelten als Zeichen von Kameradschaft und Zusammenhalt. Diese Unverbindlichkeit entfällt, wenn derjenige offen und offiziell homosexuell ist. Denn die Unsicherheit, mit der Situation umzugehen führt zu Misstrauen, Ablehnung und Aggression. Je nachdem welches Ansehen der Spieler in der Mannschaft hat, wird er mehr oder weniger psychisches und physisches Mobbing erfahren. Bei Sprüchen mit homosexuell-sexistischem Hintergrund gibt es fantasietechnisch keine Grenzen. Wir verzichten aus Jugendschutzgründen auf Beispiele.

Wie kann man das ändern? Kann man das überhaupt ändern?

Wir sind der Meinung: Jein. Grundsätzlich ja, aber nicht in absehbarer Zeit.

Es braucht sehr sehr viel Zeit und noch mehr Aufklärung, um diese Angst und Ablehnung vor bzw. von Homosexuellen aus den Köpfen der Männer und Jungen zu bekommen. Zudem braucht es mutige Spieler, die bereit sind, ein komplettes soziales Umfeld zu verlieren, für den Fall, nicht akzeptiert zu werden. Spieler, die bereit sind, sich psychischem und physischem Mobbing auszusetzen. Auf keinen Fall wollen wir uns anmaßen, über jeden Verein und jede Mannschaft Bescheid zu wissen. Es ist mehr eine Einschätzung der Lage auf den Plätzen und in den Kabinen. Viele, die man fragt, werden erstmal antworten, dass sie kein Problem mit Schwulen haben. Wenn es aber um die eigene Mannschaft geht und mit ihnen zusammen zu duschen, das geht dann doch wieder zu weit.

Wenn Profis sich outen, ist das ein guter Anfang. Wenn nicht nur ein Thomas Hitzlsperger sich outet, sondern auch aktive Profis, die eventuell noch über jeden Zweifel erhaben sind. Je mehr, desto besser. Werden homosexuelle Fußballprofis zur Normalität, so wird es leichter, diese auch im Amateurbereich zu akzeptieren.

Bis dahin wird noch sehr viel Zeit vergehen und es ist noch viel Arbeit nötig. Die Verbände und Vereine konzentrieren sich momentan auf das Thema Rassismus. Wenn man bedenkt, wie lange man schon dagegen kämpft und es immer noch nicht aus den Köpfen der Menschen ist, dann hat man eine ungefähre Ahnung davon, wie lange es dauern wird, bis Homosexualität im Fußball selbstverständlich wird.

Autor: Michael Strohmaier (DIAGO! - Der Fußballblog)

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