11.08.2017

„Leiden und Liebe in Köln eng verbunden“

Peter Stöger im Interview mit RevierSport.

Bild: Boris Hempel, rheinzoom.photo

Als Peter Stöger (51) vor vier Jahren zum 1. FC Köln wechselte, war der Österreicher nur Insidern bekannt. Seitdem ist einiges geschehen: Er führte den Traditionsklub aus der Zweiten Liga zurück in den Europapokal.

Herr Stöger, warum gehen Sie nach Heimspielen Ihrer Mannschaft durch den Stadtwald zu Fuß nach Hause statt mit dem Bus zu fahren?

Peter Stöger: Weil ich dann schneller zu Hause bin.


Wie fallen die Reaktionen der Menschen aus, die Ihnen begegnen?

Anfangs waren sie überrascht und fragten sich vermutlich: Guck mal, da marschiert der österreichische Trainer durch den Wald nach Hause. Ist das cool? Oder ist der vertrottelt? (lacht) Ich versuche mein Leben so zu strukturieren, dass etwas Sinn macht. Die Wohnung von meiner Freundin und mir liegt nur zehn Minuten vom Stadion entfernt. Also gehen wir zu Fuß.

Am manchen Tagen vor Bundesligaspielen sieht man Sie auch schon einmal in der Stadt. Es gibt Trainerkollegen, die sich auf das Spiel konzentrieren. Sie nicht?

Dazu muss man sagen, dass wir vor Heimspielen mit der Mannschaft kein Hotel beziehen. Die Jungs schlafen zu Hause.

Warum?

Weil sie dort am besten aufgehoben sind.

Und Sie nutzen den freien Abend, um auszugehen?

Ja, wenn alle Spielvorbereitungen erledigt sind, gehe ich auch mal zu Veranstaltungen wie zum Beispiel zum Circus Roncalli. Ob ich jetzt da oder vor dem Fernseher sitze, das ist doch egal.

Menschen, die Ihnen nahestehen, beschreiben Sie als bescheiden, humorvoll und unaufgeregt.

Es gibt bestimmt Leute, die sagen: Mit dem kann ich gar nicht. Grundsätzlich gilt: Ich weiß, woher ich komme. Ich bin in einem Arbeiterbezirk in Wien aufgewachsen. Mein Vater war Einzelhandelskaufmann bei der Post, meine Mutter war bei der Sparkasse. Alles ganz normal eben.

Kann man sich Ihre Jugend so vorstellen: Nach der Schule kamen Sie nach Hause, warfen den Schulranzen in die Ecke und gingen raus zum Bolzen?

Ja klar. Es gab einen Mutter/Sohn-Deal. Ich musste vernünftige Noten nach Hause bringen, dann hatte ich ein gutes Leben. Wenn das der Fall war, habe ich mit meinen Freunden in einem Fußballkäfig mit Betonboden gespielt.

Was ging in Ihnen vor, als die Kölner Verantwortlichen vor vier Jahren bei Ihnen vor der Tür standen und sagten: Wir wollen Sie verpflichten.

Ich war überrascht. Ich dachte: Wie kommen die auf mich? Es ist ja nicht alltäglich, dass ein österreichischer Trainer ein Angebot aus Deutschland bekommt. Mir war klar, dass der FC Zweite Liga spielt, und auch, dass es ihm nicht blendend geht. Aber genau deshalb hat es mich gereizt.

Was wussten Sie über Köln?

Die, die ich gefragt habe, sagten, man sei selbst schuld daran, wenn man sich in Köln nicht wohlfühlt. Und heute kann ich sagen: Es stimmt. Die Stadt ist spannend und vielschichtig.

Sie sagten, der Fußball dürfe Sie nicht auffressen…

Es ist schwer, dass es nicht in diese Richtung geht bei solch einem Klub und dieser fußballverrückten Stadt. Also versuche ich, auch etwas Abstand zu gewinnen.

Spüren Sie die Liebe der Menschen zu ihrem Klub?

Es ist extrem. Leiden und Liebe sind eng miteinander verbunden. Das macht den Klub und die Stadt aus. So ist eben die Mentalität.

Welche Werte vertreten Sie?

Respekt, Vertrauen, Verantwortung. Mir ist wichtig, dass die Spieler über ihren Tellerrand schauen. Bei uns hat es sich zum Beispiel eingebürgert, dass die Spieler zum Geburtstag oder nach einer Vertragsverlängerung nicht nur der Mannschaft eine Pizza ausgeben, sondern dass die ganze Geschäftsstelle zum Essen oder zum Eis eingeladen werden. Dann kommt ein Foodtruck aufs Gelände, und alle schauen vorbei. Die Spieler wissen, dass das hier alles Teamarbeit ist – und dass sie mit ihren Leistungen auch dafür verantwortlich sind, ob der Klub neue Mitarbeiter einstellen kann oder nicht.

Sie sprachen von Respekt und Vertrauen. War das Transfertheater um Anthony Modeste für Sie eine menschliche Enttäuschung?

Diese Geschichte mit Modeste war schwierig. Das Konstrukt war kompliziert. Aber man muss da auch kein Drama draus machen, es ist gut ausgegangen und alles okay.

Als Borussia Dortmund nach der Entlassung von Thomas Tuchel einen Nachfolger suchte, fiel immer wieder hartnäckig ihr Name.

Ich habe das alles gelesen. Ich kann Ihnen nicht sagen, was wirklich stimmte und was die Dortmunder Verantwortlichen tatsächlich gedacht haben.

Na ja, Sie wissen schon, dass es mehr war als nur ein Gerücht. Dortmund hatte Sie bereits seit Jahren auf dem Radar.

Ich könnte jetzt einen Spruch raushauen und sagen: Vielleicht bin ich ihnen aufgefallen, weil Dortmund in drei Jahren nicht ein einziges Mal gegen den FC gewinnen konnte. Im Ernst: Ich denke, es wird registriert, was für eine Arbeit mein Team und ich leisten. Wenn mein Name dann fällt, ist man Mensch und freut sich darüber. Es schmeichelt.

Sie sind Österreicher. Da muss es doch auch mal ein Traum sein, Nationaltrainer zu werden.

In Österreich muss man vorsichtig sein mit so etwas. Da meint jeder, man wolle sich ins Gespräch bringen. Das brauche ich nicht, das habe ich nie gemacht. Ich bin in Köln sehr glücklich und spekuliere nicht auf andere Jobs. Aber natürlich ist der Auswahltrainer das höchste Traineramt, das man in seinem Geburtsland bekleiden kann.

Quelle: Thomas Gassmann / RevierSport

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