29.05.2017

Mailand

Laberthier labert hier über Salamitaktiken im Kölner Fußball

„Eines Tages wird’s gescheh’n. Ja, dann fahren wir nach Mailand, um den Effzeh Köln zu seh’n“

Beim 1. FC Köln am Geißbockheim schaut Bruno Laberthier an jedem freien Tag, den der Herrgott Training sein lässt, vorbei und sieht nach dem Rechten. Die Fortuna aus der Südstadt hat er seit ewigen Zeiten als kölscher Unterhund ins Herz geschlossen. Und dass schöner Fuppes auch auf der anderen Rheinseite gespielt wird, weiß er ebenfalls. Außerdem schreibt er Romane: Nach „Alle Böcke beißen…“ und "Alle Heiner freu'n sich ..." hat er kürzlich mit "Alle Löwen feiern..." ein Fußball-Krimi über den Wuppertaler SV veröffentlicht. Für RHEINFUSSBALL schüttet er regelmäßig sein Herz für FC, Fortuna und Viktoria aus.

„Salamitaktik“, meinte damals der Chefarzt, als euer Laberthier seinen Zuvieldienst in einem Landkölner Krankenhaus, Abteilung Gefäßchirurgie absolvierte, „Salamitaktik bedeutet, wir schneiden immer nur so viel ab, wie gerade an Gewebe abgestorben ist. Zuerst einen Zeh, dann alle, dann den Vorfuß, dann den Fuß ab Unterschenkel abwärts. Und wenn die Blutgefäße dann immer noch zugehen und die Wunde klafft und nach Verwesung stinkt, dann bis zum Oberschenkel und zur Not bis zur Hüftgelenkpfanne“.

Tjo. Von hier den Sprung zum Effzeh und seinem sehenswerten Saisonabschluss als Fünfter im Bundesligatableau hinzubekommen, geht wohl nur über die Salamitaktik Mailänder Art. Also die, bei der nicht abgestorbenes Gewebe, sondern lukratives Gewerbe vorne auf der Packung mit der Wurst steht, um die es geht. Von der Mailandsalami hat man sich im Grüngürtel nach und nach immer mehr abgeschnitten, am Ende gelang tatsächlich das Vordrängeln ganz nach vorne an die Theke mit den Fleischtöpfen, die einmal UEFA Cup hießen und jetzt Europa League genannt werden müssen. Nach einem Vierteljahrhundert geduldiger Tingelei über Weltdörfer und –meister wie Wehen, Sandhausen oder Overath bedeutet das die Rückkehr in die Feinkostabteilung. Am Ende war da nichts mehr von der Anrüchigkeit des Vereinsgebarens der Jahre zuvor, es duftete einfach nur neu, prickelnd, spannend und vielversprechend nach Norditalien.

„Eines Tages wird’s gescheh’n. Ja, dann fahren wir nach Mailand, um den Effzeh Köln zu seh’n“. So schallte es schon seit längerem durch die Pralinenschachtel zu Müngersdorf. Am Ende stand es auch auf den flugs herbeigeschafften Europapokal-T-Shirts, die nicht nur Tausende Fans überstreiften, sondern auch die Mannschaft um den schwarzakkreditierten Pressekonferenzbomber Toni Modeste und seinen Trainer Peter Stöger („Ich mach dich weiß“).

Dabei stammt das Mailandlied eigentlich aus der Südstadt, den Text hoben Fans der Fortuna anno 2003 aus der Taufe. Damals war der Gesang Ausdruck einer Utopie, der Wunsch nach dem unmöglichen „guten Ort“, an dem man die eigene Mannschaft mal kicken sehen würde. Jetzt hat der FC den Song geguttenbergt, was nicht unbedingt ein Ausdruck von eigener textgestalterischer Kreativität im Grüngürtel ist, dafür dort aber ein realistischeres Szenario beschreibt.

Aus Fortunasicht ist die Urheberschaft des Fangesangs einer der wenigen Dinge, die eine(n) dieser Tage sagen lässt: siehste, ist doch nicht alles vom Schlachter, was aus der Südstadt kommt. Denn ja, über den Rest würde der Laberthier gerne die Pelle des Schweigens decken – und er weiß sich damit nicht alleine.

Das vatertägliche Mittelrheinpokalfinale gegen den Bonner SC war nicht nur Ausdruck einer üblen Nichtausgewogenheit zwischen Defensive und Offensive. Es war in seiner krassen Ausrichtung auf die feine (aber leider auch kleine) Klinge der Filigrankünstler Hamdi Dahmani und Cauly Oliveira Souza, die gegen eine gefühlt in Summe zwei Meter größere Regionalligadurchschnittstruppe aus hinter Wesseling so gar keinen Stich bekamen, taktisch eine ziemliche Bankrotterklärung. Ein Sturm, ein Stürmer, der seinen Namen mal verdient und sich reinhaut? Fehlanzeige. Einer, der dann wenigstens mal durchbricht oder die geniale Einzelleistung initiiert? Auch Fehlanzeige. Ein geordnetes Aufbauspiel, ein Regisseur? Fehlanzeige. Christopher Theisen, frisch kontraktverlängert, konnte einem halb leid tun, halb scheint er eingefroren auf einem Niveau, das Coach Uwe Koschinat aus ihm wieder herausgekitzelt hat – das man aber auch erwartet hatte nach seiner Verpflichtung aus Nürnberg und dem nicht nur bei ihm fortunaüblichen, leistungsmäßigen Jammertal.

Klar, dass damit der Trainer selbst in den Blick gerät, der aus vielen Kickern das Beste herauszuholen vermag, ohne sie dauerhaft n o c h besser zu machen. Uwe Koschinat blickt zurück auf eine Spielzeit, die jetzt – man kann es doof finden, aber es ist so: nach dem verlorenen Pokalfinale – eine in Summe schmale war. Immerhin, die Klasse wurde gehalten. Doch die Salamitaktik des fußballerischen Verlustes an Substanz, Standing und Selbstvertrauen – diese schleichende Abwärtsspirale, diese Blutleere – hat man drei Jahre lang nicht so ernst an den Kickerbeinen nagen gesehen wie jetzt. Eine Zehe ist ab, vielleicht auch mehr als nur eine.

Zeit für eine Sommerpause im Zeichen der Suche nach einem Gegenmittel. Denn der Fuß muss dranbleiben, sonst „fahren wir“ eines Tages nicht nach Mailand oder Madrid. Sondern wieder nach Wuppertal.

Oder mit der KVB nach Höhenberg, wo die Viktoria im Relegationshinspiel um den Aufstieg in die 3. Liga gegen Carl Zeiss Jena nur noch eine ganz dünne Scheibe Hoffnung machen darf auf das auch offizielle Verlassen des Nichtprofifussballsektors.

Wobei, Laberthier, schau mal genauer hin. 2:3 hieß es am Ende, nach zwischenzeitlichem 0:3. Was bedeutet, dass ein Führungs- und Auswärtstor in Thüringen ausreicht, um je nachdem Jena dem Muffen und seinem Sausen auszusetzen. Denn Carl Zeiss war am Sonntag zum Schluss so platt wie der bemitleidenswerte Student, der bei 30 Grad plus x im Maskottchenplüsch von „Viktor“ auf der Stahlrohrtreppe kauerte und an den drei Gegentoren kaute. Schalten wir also um in den Optimismusmodus. Ein Tor, möglichst früh für die Kölner Ossis im deutschen Osten, und die Messe wird nochmal neu gelesen. Auch ohne Mike Wunderlich wird sie das, der in der Hitze von Höhenberg ein paar Sekunden zu früh den fröhlichen Pfarrer gemacht hat und wegen Gotteslästerung (oder so) vom Platz flog.

Und seien wir ehrlich, hübsch wär das ja schon. Dann gäbe es drei Kölner Teams in bundesnationalen Fuppesligen. Eine Vorstellung so schön wie weiland Mailand.

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