24.10.2016

Malen nach Aalen

Laberthier labert hier über die Fortuna in der Krise

Unser Laberthier und sein neustes Meisterwerk.

Beim 1. FC Köln am Geißbockheim schaut Bruno Laberthier an jedem freien Tag, den der Herrgott Training sein lässt, vorbei und sieht nach dem Rechten. Die Fortuna aus der Südstadt hat er seit ewigen Zeiten als kölscher Unterhund ins Herz geschlossen. Und dass schöner Fuppes auch auf der anderen Rheinseite gespielt wird, weiß er ebenfalls. Außerdem schreibt er Romane: Nach „Alle Böcke beißen…“ und "Alle Heiner freu'n sich ..." hat er kürzlich mit "Alle Löwen feiern..." ein Fußball-Krimi über den Wuppertaler SV veröffentlicht. Für RHEINFUSSBALL schüttet er regelmäßig sein Herz für FC, Fortuna und Viktoria aus.

Alle Jahre wieder. Wenn die Kundschaft in Krachledernen und Dirndl zur Fortuna ins Südstadion kommt, gibt’s was auf die Omme. Letztes Jahr war es die 0:3-Klatsche gegen die Würzburger Kickers, die den Zenzis und ihren Gschpusis die Laune vor dem Bierzeltbesuch vermasselte. Dieses Mal ging es zum Oktoberfest zwar nochmal gut, weil der Hallesche FC zwar achtzig Minuten die viel bessere Mannschaft war, aber in den letzten zehn Minuten auf dem Zahnfleisch ging wie Wildpinkler Nepomuk auf muenchen-kotzt.de. Den Oktoberrest überstand die Fortuna allerdings nicht mehr unbeschadet. Nach dem Halle-Spiel gab’s ein Halloween mit allem Trick, Treat und Track – und das, obwohl der Monat noch gar nicht vorüber ist.


Für euren Laberthier war der Auftritt in Frankfurt, dieses Gegentorfestival im halben Dutzend, vor allem eines: der Abschied von dem zarten Pflänzchen Hoffnung auf eine überdurchschnittlich gute Saison, sprich einer, in der es konstant zur Augenhöhe mit Kalibern wie Duisburg, Osnabrück oder eben Frankfurt reicht. Schnöde zerstiefelt wurde es, das Pflänzchen. Dass die optimistischeren unter den Fortuna-Anhänger es zu züchten begonnen hatte, sollte man ihnen rückblickend nicht als realitätsfremd auslegen (und jetzt ist es, wie gesagt, untergepflügt). Warum man das nicht sollte? Weil auch der manisch-depressive, humorbefreite und zum schweren Pessimismus neigende Aufstellungskaffeesatzleser Laberthier schon seit längerem gewisse nächste Schritte über den Status Quo vom „Klassenhalt als oberstes Ziel“ in die Formationen hineinliest, die Uwe Koschinat aufs Feld schickt.

Dazu gehört das Bermuda-Dreieck der eher kleinen Männlein: Cauly Oliveira Souza, Hamdi Dahmani und neuerdings Selcuk Alibaz. Wenn die zum rechten Zeitpunkt – siehe die letzten zehn Minuten gegen Halle – auf dem Platz gesät werden, wird man Sturm ernten: auch wenn der Fortuna-Kader noch über keinen solchen verfügt, jedenfalls keinen nominellen (sorry, Herr Rahn, sorry Herr Brasnic). Schöner als die Drei einen Gegner auseinanderspielen können (unterstreiche: k ö n n e n), dafür muss man selbst bei den Zwölfendern der Liga lange suchen.

Zu den Hinweisen in Richtung neuer Ziele gehört auch die Rotation im Tor. Da wechselt sich seit neuestem André Poggenborg, der torwartgewordene Spieß, der seinen Kasten und die Leutchen davor handwerklich sauber zusammenschweißt und zur Not auch mal zusammenscheißt, mit dem etwas anderen Kippertyp ab, Tim Boss: jünger und eher sachlich ist der, mit enormen Reflexen, schneller Spieleröffnung und überhaupt mehr der spielende Schlussmann. Mit so einem Typ zwischen den Pfosten spielen die da oben – auch weil sich so einer auf seine Vorderleute verlassen kann.

Nur Stichwort „Vorderleute“ und „verlassen“: genau das passierte am Bornheimer Hang, leider in anderem Wortsinn. Tim Boss war am Bornheimer Hang die ärmste Sau auf dem Platz, und ja: auch er selbst sah dabei nicht wahnsinnig gut aus. Aber welche ärmste Sau gewinnt schon einen Beauty Contest …


Und dann, letzten Samstag, montierte die Pleiten-, Pech- und Pannengöttin Antifortuna auf die Klatsche von Frankfurt noch eine 0:2-Heimschlappe gegen den VfR Aalen: eine verdiente, wohlgemerkt. Das untergegrabene Pflänzchen Hoffnung düngt also wieder die Befürchtungen von wegen Durchgereichtwerden nach unten. Tim Boss erpritscht sich mit einer Volleyballeinlage auf den Stiefel des Aaleners Weidkamp, der die Vorlage humorlos ins Netz zimmert, und einem unerklärlichen Zauderkunststück in der Nachspielzeit, das zum zweiten Aalener Treffer führt, eine schmale Brust. Johannes Rahn, der elfmeterfeste Ausgucker vom Dienst, schiebt einen Strafstoß kläglich neben das Gehäuse, weil er sich vom geduldigen Aalentorwart ausgucken lässt. Und auch Uwe Koschinat steht in der Kritik, weil er die phasenweise erneut katastrophale Leistung zwar wortreich zu beschreiben, aber irgendwie nicht zu beheben vermag. Dass er Alibaz nach einer halben Stunde vom Acker holt, will der Laberthier davon ausdrücklich ausgenommen wissen. Das ging in Ordnung, der Neuzugang war schlicht vorne nicht drauf, lief die Aalener Defensive nicht an, war motzig und brachte auch sonst (wie Dahmani) das Spiel nicht in Gang. Mit den Namen von Akteuren spielt man nicht, das weiß auch der Laberthier, deswegen nur damit es nie wieder vorkommt: das war Alibaz Alibipass.

Und Malen nach Aalen heißt, ein düsteres Bild zeichnen.

Dennoch zwei Dinge, ohne das Gemälde von der Oktoberfortuna schönpinseln zu wollen. Beide haben mit Tim Boss zu tun, der diesmal auf eine Kicker-Note 5,5 gefasst sein muss. Erstens, Freunde, denkt an die Packung gegen Würzburg letzte Saison. Erinnert sich wer? Auch da war Boss die ärmste Sau. Aber er hielt beim Spielstand von 0:3 einen Elfmeter, was den Mitspielern nicht egal war: sie feierten ihn, zumindest ein bisschen. Was wiederum dem Laberthier damals ein kleines Fünkchen Hoffnung gab, dass die Messe über den Ligaverbleib noch nicht gelesen war.
Zweitens wäre die 5,5 nicht ganz verdient, denn neben den beiden fetten Patzern war Tim Boss auch für die eine Aktion verantwortlich, die dem fortunasinnigen Fußballgenussmenschen den Besuch im Südstadion an diesem Nachmittag gaaaanz kurz veredelte. Okay, es war ohnehin Abseits, aber Boss‘ Reflex in der ersten Halbzeit bei einem scharf abgezogenen und kurz vor dem Kasten noch abgefälschten Aalener Torpedo war schlicht ein Hingucker mit anschließendem Zungenschnalzer. Im Flug noch umkehren und das Bällchen noch entschärfen: wowdy! Im Südstadion hat sich der Laberthier das letzte Mal bei Julius Biadas Wunderhütte gegen den SVW Hessisch-Düsseldorf so die Augen gerieben wie bei diesem Parädchen.

Dem Tim Boss vom Samstag malt der Laberthier jedenfalls kein mangelhaft in den Berichtsbogen.

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