25.09.2017

Schneeweißchen und Hosenrot

Laberthier labert hier über den Septemberfußball beim FC und der Fortuna

Das Laberthier und sein Werk.

Beim 1. FC Köln am Geißbockheim schaut Bruno Laberthier an jedem freien Tag, den der Herrgott Training sein lässt, vorbei und sieht nach dem Rechten. Die Fortuna aus der Südstadt hat er seit ewigen Zeiten als kölscher Unterhund ins Herz geschlossen. Und dass schöner Fuppes auch auf der anderen Rheinseite gespielt wird, weiß er ebenfalls. Außerdem schreibt er Romane: Nach „Alle Böcke beißen…“ und "Alle Heiner freu'n sich ..." hat er kürzlich mit "Alle Löwen feiern..." ein Fußball-Krimi über den Wuppertaler SV veröffentlicht. Für RHEINFUSSBALL schüttet er regelmäßig sein Herz für FC, Fortuna und Viktoria aus.

Ihr erinnert euch an den Mai. Peter Stöger trudelt ein zur Pressekonferenz. Sein 1. FC Köln hat den FSV Mainz 05 mit 2:0 heimgeschickt. Zusammen mit dem ziemlich überraschenden 5:2-Auswärtssieg des ziemlich unerwartet ziemlich sympathischen Rivalen aus Leverkusen bei Hertha Suhrbier reicht das für Platz 5 in der Endabrechnung – und damit für die Teilnahme am internationalen Fußball in der Spielzeit 2017/18. Nach 25 Jahren. Ganz Köln ist aus dem Häuschen, und in Reihe Eins im Presseraum lauert der Mann, dem Stögers Truppe den Einzug in den UEFA-Cup (neudeutsch: Europa League) zuallererst zu verdanken hat: der 25-Treffer-Mann Anthony Modeste. Schelmisch grinsend und, so Stögers Befürchtung in diesem Moment, mit einem irgendwo versteckten überdimensionalen Kölschglas, vorsorglich gefüllt für eine Bierdusche. Stöger nimmt sich seinen Topscorer zur Brust, das Mikro ist bereits eingeschaltet und man hört was von wegen „Respekt vor dem gegnerischen Trainer“. Für den Fall, dass Modeste nicht pariert und partout doch den Duschkopf geben möchte, gibt es aus Stögers Mund augenzwinkernd eine unzweideutige Warnung: „Ich mach dich weiß“.


Ihr könnt mir folgen? Gut, dann folgt mir ins Heute, so hart es für alle FC-Romantiker auch sein mag. „Ich mach dich weiß“, das war nicht nur der gerade noch so an den Fettnäpfchen der Political Correctness vorbeibalancierende Spruch des schlagfertigsten Trainers der Bundesliga. Es war auch genau das Programm, das damals in den Köpfen der Fans abzulaufen begann: „Mein Club der Herzen, hörst du? Der Peter und der Tony, die machen dich gerade wieder zum weißen Ballett, zum Real Madrid des Westens“.

Vier Monate später war es das mit Weiß. Zum Glück, möchte man inzwischen sagen, so bitter war die Zeit seither. Denn zum Glück steht seit dem Auswärtskick bei Hannover 45+50+1 die Habenseite auf dem Papier mit der Punktebilanz nicht mehr in so ganz schrecklichem Weiß da.

Sieben Kicks (London eingerechnet), ein Pünktchen, zwei Törlein: eine rundheraus schlechte Momentaufnahme. Jhon Cordoba, dem der Coach jede Menge Vertrauen und Einsatzzeit schenkt, spielt trotz seiner 40-Meter-Wunderhütte bei Arsenal und einer passablen zweiten Hälfte in Hannover zu unsortiert und manchmal mit un poco de mierda en los zapatos: mit ein bisschen Kacke am Schühchen. Der Kolumbianer trägt schwer an dem Modestepäckchen auf dem Rücken, dazu wirkt er überhastet und, ja, manchmal auch überfordert – wie ein Scrabblespieler, der eigentlich alle Buchstaben auf der Hand hat, sie aber trotzdem vertauscht. Artjoms Rudnevs ist vorne keine Alternative und Simon Zoller ist nur dann der Hans im Glück, wenn er einen neben sich hat, der ihm die Räume freisperrt: also keinen Hnas im Pech. Bittencourt und Risse und Osako? Zuletzt deutlich unter Niveau. Die Abwehr wirkt wie von den Men in Black gefläscht: Torverhinderungsinstinkt und kreativer Spielaufbau: alles vergessen, oder gerade nicht abrufbar.
Dass es eine schwere Saison werden würde, war mit der Mehrfachbelastung eigentlich klar. Aber dieser Komplettabsturz? Dazu punktet die designierte Abstiegskonkurrenz: Frankfurt und der Hna-SV sogar in Köln, und auch Strippenpuppe Alferd hat dem FC dreimal in die Kiste gekotzt.

Es geht, dies ist leider jetzt schon absehbar, dieses Mal um den nackten Klassenerhalt. Die Marschrichtung lautet: Bundesligaverbleib mit Ausflugsprogramm nach Belgrad und Schneeweißrussland. Dazu vielleicht ein paar Akzente obendrauf, gerne auch im nationalen Pokalwettbewerb. Schade um die Chance, sich nach einem Vierteljahrhundert mal wieder so zu präsentieren, wie es die 20.000 Fans in London getan haben. Auf Augenhöhe mit Europa und ansonsten sehr kölnisch (Schnappschuss des Jahrzehnts schon jetzt): augenzwinkernd mit Plüschhennes vor dem Bubi von der Horse Guard.

Schade, tja, aber man muss dann wohl Prioritäten setzen. Und was Frankfurt, Ostholland oder Hannover bei ihren Europaauftritten als Mittelklassebundesligisten geschafft haben, nämlich aus der Nummer halbwegs schadlos rauszukommen, sollte auch dem FC möglich sein.

Möglich in die andere Richtung, nach oben ist – anderes Thema, andere Farbe – alles bei Hosenrot Zollstock. Immer noch, trotz der Lottelutsche vom letzten Samstag. Das Kontrastprogramm zu Jhon & Co. aus dem Westen der Stadt lieferte den August und September über Uwe Koschinats Fortuna, die auch schon mal in Schwarzgelb antritt und egal in welcher Kluft gut punktet. Zehn Spieltage, nur eine Niederlage – die allerdings leider mit Ansage – und ein Plätzchen im Spitzentrio: ein zartes Pflänzchen Hoffnung wächst durch die brüchigen Betonstufen des Südstadions. Eine Pusteblume, die man gerne für alle Zeit in Harz gießen möchte, statt sie zu verblasen. Vielleicht doch mal die direkte Qualifikation für die DFB-Pokal-Hauptrunde 18/19? Vielleicht mal Platz 4, und nix mieh am Hoot mit Bonner SC und Viktoria Köln im Scheißfinale? Oder sogar Rang 3, Relegationsmatches, Darmstadt 98 und das Wunder von Bielefeld reloaded? Platz 2, Aufstieg ohne Umwege?

Im Altbau an der Pohligstraße dürfen sich die üblichen Mietnomaden (und angelockte Mitbewohner) im Moment solchen Fantastereien hingeben – unverhofft, aber verdient. Der Laberthier muss – dies verlangt weniger die Chronistenpflicht als sein Labergewissen – nach seiner schlechten Prognose in der letzten Kolumne Abbitte leisten bei einem Team und Trainerstab, das vor der Saison schwer neu zusammengewürfelt wurde und trotzdem häufig die sechs Augen oben liegen hat. Das habe ich nicht erwartet: es ist beeindruckend. Vor allem Maik Kegel ist da zu nennen: Wahnsinn die Standards, Wahnsinn die Übersicht, Wahnsinn als Teamleader. Man muss sich im Rheinland ja oft entscheiden: Karnevalsverein oder Kegelclub. Bis auf weiteres ist für mich die Sache entschieden, und Karneval ist eh Kalle.

Brandenburger, Scheu und auch Ernst, trotz seiner zuletzt zwei Gelbroten: alle drei waren ohne Akklimatisierung sofort auf einem zwei Stufen höheren Niveau als vorher in der Regionalliga – sowas heißt dann wohl „ich will den nächsten Schritt machen: check!“. Manuel Farrona-Pulido löst auch ein, nämlich die ihm zugewiesene Rolle als Mister Unterschied. Daniel Keita-Ruel, okay, der muss den Laberthier trotz seiner drei Hütten und der Präsenz (Kopfbälle!) in den ersten Kicks auf Strecke noch überzeugen: komm Jung‘, lass dich kitzeln. Dazu die alte Belegschaft: Pazurek, auch ohne Maske. Tim Boss, immer öfter eine Lebensversicherung. Die Maschine: anständig, genau wie der Neue an seiner Seite. Cedric Mimbala und Bernard Kyere sind so leichtfüßig, wie sie auch mal gerne Brüder Leichtfüße sind. Das geht dann manchmal in Richtung Kackgegentor des Monats. Apropos mierda en los zapatos: da sind auch noch die Kreuzbandrisse bei Uaffero und Exslager. Doch so scheibe das ist für die beiden: die Truppe hat auch die verletzungsbedingten Rückschläge bislang kompensiert.

Schneeweiß die Weste bei den Hosenroten zwar jetzt auch nicht mehr. Der Kontrast zum Ballett vom Geißbockheim könnte aber kaum größer sein. Mag sein, dass sich das alles bis Weihnachten relativiert – in Zollstock wäre es schade, in Sülz wäre es zu hoffen.

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