05.07.2016

Sportpsychologie: Analyse Deutschland - Italien

Weil sportlicher Erfolg auch Kopfsache ist.

Thorsten Loch analysiert die EM-Spiele aus sportpsychologischer Sicht.

Es war das Gesprächsthema im Vorfeld des Viertelfinalspiels Deutschland gegen Italien schlechthin. Überall war davon zu hören und zu lesen. Man konnte sich diesem nur schlecht entziehen. Es ging um den „Angstgegner Italien“, manch einer sprach gar von einem „Italienfluch“. Gemeint war damit die Bilanz deutscher Mannschaften in Endrundturnieren gegen die „Squadra Azzurra“. Sicherlich sah diese bis dato nicht viel versprechend aus. Bei acht Aufeinandertreffen standen lediglich vier Remis und vier Niederlagen zu Buche. Doch weshalb wurde diesem „Fluch“ so viel Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl das Team von Joachim Löw im März dieses Jahres die Mannschaft von Antonio Conte klar mit 4:1 besiegen konnte?

Zum Thema: Was macht einen Gegner zu einem vermeintlichen Angstgegner und was kann man dagegen tun?


Geht man dieser Frage nach, führt der Weg zurück in vergangene Tage. Seinen Ursprung hat dieser in der Erkenntnis, dass man gegen diesen Gegner (Italien) mehrmals verloren hat. Die Mannschaft hat also schlechte Erfahrungen gemacht. Jüngstes Beispiel war die Halbfinalniederlage im Jahr 2012. Die Psyche versucht nun, diese negative Erfahrung zu verarbeiten. Erschwerend kommt das Wissen um die negative Bilanz hinzu. Generationsübergreifend hat dieses Phänomen „Angstgegner“ reifen und sich entwickeln können. Ein ähnliches Beispiel wäre das Ehepaar England und Elfmeter schießen. Doch was geschieht in den Köpfen der Spieler, wenn es dann zur Begegnung kommt? Möglicherweise kommen die Sportler zu einer Überzeugung, gegen diesen Gegner nicht gewinnen zu können. Die Psyche neigt also dazu, einzelne Erfahrungen (man denke an 2012) zu verallgemeinern, in die Zukunft zu übertragen und mit einer emotionalen Bedeutung zu verknüpfen. Kurzum: Die Konfrontation mit den Tifosi wird mit Angst beantwortet. Je bedeutsamer die erlittenen Niederlagen waren, umso tiefer reicht dieser Prozess in unserem Unterbewusstsein. Damit aber beginnt ein Teufelskreis, aus dem man häufig keinen Ausweg findet. Die Sichtweise des Gegners als Angstgegner wird somit zu selbsterfüllenden Prophezeiung, d.h. dass wir unsere Sichtweise in der Realität immer wieder durch weitere Niederlagen bestätigen werden.

Merkmale eines Angstgegners

Betrachtet man nüchtern die Fakten, so erkennt man, dass ein Angstgegner eine Mannschaft ist, gegen die ich mehrmals verloren habe. Nicht mehr und nicht weniger. Häufig sind es einfach Teams, dessen Spielweise der eigenen Mannschaft nicht liegen. Linz (2014) beschreibt den Angstgegner als einen Gegner „…gegen die ich bisher noch nicht die richtige Lösung gefunden habe“. Wenn man diese erkennt, ist man einen entscheidenden Schritt voran gekommen. Der Trainer muss versuchen, neue Lösungen zu finden. Wie kann ich gegen diese Mannschaft anders spielen, als ich es bisher getan habe? Muss ich ggf. eine andere Vorbereitung wählen? Gibt es andere taktische Varianten, die ich ausprobieren kann? Kann ich den Gegner möglicherweise mit seinen eigenen Waffen schlagen? Und genau das tat Joachim Löw. Die Halbfinalniederlage 2012 saß wie ein Dorn in seiner Trainerlaufbahn. Er hatte sich schlichtweg vercoacht. Seinen Plan, den damaligen Spielermacher Andrea Pirlo mit Toni Kroos auszuschalten, ging nicht auf. Sein im zurückliegenden Viertelfinale gewählten Matchplan wurde von vielen kritisch beäugt, man denke an die Aussagen von ARD-Experten Scholl, jedoch war es für mich die logische Konsequenz. Eine schöne Erklärung liefern die Kollegen von Spielverlagerung (Link zum Text). Aber was ist der entscheidende Unterschied? Die Emotion Angst hat des Öfteren eine lähmende Wirkung auf das Denken und Handeln. Nicht selten gehen damit Gefühle der Machtlosigkeit einher. Wenn ich jedoch zur Einsicht komme, dass mir bisher nur die richtigen Lösungen für das Problem fehlten, dann bin ich wieder handlungsfähig. Man hat es selbst in der Hand, in Zukunft auch gegen diesen Gegner zu gewinnen.


Fazit: Löws Plan ging auf, auch wenn es nicht das gewünschte Offensivfeuerwerk war und das Spiel erst in einem nervenzerreißenden Elfmeter schießen entschieden werden konnte. Aber immerhin standen sich hier, die beiden stärksten Mannschaften der EM-Endrunde gegenüber. Letztendlich hat es „La Mannschaft“ geschafft und steht verdient im Halbfinale am kommenden Donnerstag gegen den Gastgeber Frankreich. Bleibt zu hoffen, dass es Löw auch hier wieder gelingt, sein Team nach den sicheren Ausfällen von Khedira und Gomez taktisch gut einzustellen. Trainer Deschamps wird sicherlich grübeln über die taktische Marschroute seiner Mannschaft gegen die Deutschen. Denn möglicherweise ist es der Beginn, dass sich die Mannschaft zu einem Angstgegner entwickelt, man denke nur an das Viertelfinale vor zwei Jahren in Brasilien.

Autor: Thorsten Loch (Die Sportpsychologen)

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