22.07.2016

Thorsten Loch: Pepe – Vom Rüpel zum Musterprofi

Pepe, einst als der "Treter" unter den Fußballern bekannt, behalf sich angeblich der Sportpsychologie und zeigte vorallem bei der Europameisterschaft ein anderes Bild.

Mit seiner teils unfairen Spielweise geriet Pepe immer wieder in die Kritik.

Pepe, bürgerlich geboren als Kepler Laveran Lima Ferreira, gehört zweifelsohne zu den besten seiner Zunft. Der 33-jährige portugiesische Fußballer im Dienste von Real Madrid bringt alles mit, was einen modernen Innenverteidiger auf internationalen Niveau benötigt: Hervorragende Zweikampfwerte, Kopfballstärke defensiv und offensiv, Durchsetzungsvermögen und einen unbedingten Siegeswillen. Doch nicht selten schießt der Abräumer, über das Ziel hinaus. Unvergessen sind seine Entgleisungen gegen Casquero oder Weltfußballer Lionel Messi (hier die Links zu den Videos einfügen), die ihm schon eine drakonische Sperre von zehn Spielen einbrachte und sein Image als „Fußballfiesling“ in der Fußballwelt prägte. Während der Europameisterschaft erlebte die Fußballwelt aber einen anderen Pepe. Medienberichten zufolge hat ihm die Sportpsychologie dabei geholfen.

Rückblickend betrachtet, fragt man sich, ob er es wirklich war, der übeltretende glatzköpfige Rambo und Schauspieler? Pepe schien bei der Euro 2016 die alten Vorurteile tatkräftig wie immer und anständig wie selten widerlegen zu wollen. Schon während des Turniers wurde bekannt, dass sich Pepe mittlerweile sportpsychologisch begleiten lässt, um seine Aggressionen besser kontrollieren zu können. Die Bilanz sagt alles: Der Heißsporn erhielt in sechs EM-Spielen eine gelbe Karte und verübte vier Fouls. In 630 Spielminuten! Doch was ist mit ihm geschehen und was können mögliche Betreuungsinhalte gewesen sein für diese Entwicklung? Die folgenden Ausführungen sind Annahmen und erheben keinen Anspruch auf Richtigkeit, sollen jedoch gleichzeitig dem interessierten Leser deutlich machen, dass bestimmte Verhaltensmuster erklärt und beeinflusst werden können.

„Wenn er das Trikot anzieht, wird er zu einem anderen Menschen“ Ex-Trainer Bernd Schuster

Nicht selten berichten die Sportler, wie Pepe in einem Interview im April 2009, im Anschluss an die fiese Attacke gegen Casquero, „Ich weiß nicht, was mit mir los war.“ Und genau hier liegt der Crux. Den Sportlern ist oftmals nicht klar, was in diesen Momenten mit ihnen passiert, warum sie die Kontrolle verlieren und was sie dagegen tun können. Um das Verhalten den Sportlern vor Augen zu führen, eignet sich hervorragend das so genannte SORKC-Modell. Bei diesem Modell handelt es sich um ein Hilfsmittel im Rahmen einer Verhaltensanalyse, welches eine Erweiterung des operanten Konditionierens nach Skinner et al. darstellt. Eine Erweiterung jenem durch Kanfer brachte zwei kognitive Elemente hinzu. Es ist ein Verhaltensmodell, das fünf Bestimmungsstücke als Grundlage von Lernvorgängen beschreibt, als auch das Verhalten und der Erwerb des Verhaltens erklärt.

Bestandteile SORKC-Modell

Das SORKC-Modell ist ein Hilfsmittel im Rahmen einer Verhaltensanalyse, welches eine Erweiterung des operanten Konditionierens darstellt.


- S (Stimulus, sensitive Reize, sinnliche Wahrnehmung, bedeutungsvolle Kommunikation) bezeichnet eine äußere oder innere Reizsituation. Der Stimulus erfasst die, das Verhalten auslösenden Bedingungen. (In welcher Situation tritt das Verhalten auf?).
- O (Organismus-Veriablen) bezeichnet die individuellen biologischen und lerngeschichtlichen Ausgangsbedingungen bzw. Charakteristika der Person auf den Stimulus.
- R (Reaktion, Verhalten, Tätigkeit, Handlung) bezeichnet die Reaktion auf ‚S‘ nach der Verarbeitung durch den Organismus auf kognitiver, motorischer, vegetativer und affektiver Ebene.
- K (Kontingenzverhältnis, Verstärkungsplan [contingency = Möglichkeit, Zufälligkeit]) bezieht sich auf das Einsetzen einer Verstärkung oder Bestrafung als Folge eines Verhaltens (Was folgt auf das Verhalten?).
- C (Konsequenz äußerer oder innerer Art, Ergebnis, Folge[richtigkeit], Auswirkung) bezeichnet die Art des Auftretens (direkt, öfters, selten, etc.).

In Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen können die typischen Verhaltensmuster aufgedeckt werden. Damit jedoch nicht genug. Wenn die Situation klar ist, wann ein Kontrollverlust am wahrscheinlichsten ist, geht die sportpsychologische Arbeit weiter. In den folgenden Schritten geht es darum, die kippenden Selbstgespräche klarzulegen und deren Inhalt zu verbalisieren. Im Anschluss sollen die negativen Gedanken unterbrochen und durch selbstwertdienliche Gedanken ersetzt werden.

Der Gedankenstopp

Der Gedankenstopp eignet sich hervorragend zur Beeinflussung von Gedanken, Vorstellungen, Phantasien mit dem konkreten Ziel: das unerwünschte Grübeln zu unterbrechen bzw. ganz abzubauen. Die Technik des Gedankenstopps kann für den Athleten hilfreich sein, vorausgesetzt der Athlet erkennt, dass er sich mit belastenden und negativen Gedanken abgibt (vgl. Kellmann & Beckmann, 2004, S. 320-331). Die Methode wurde für Therapiezwecke entwickelt und fand vor allem Anwendung bei Zwangsgedanken, Halluzinationen und Süchten (vgl. Hartig, 1974). Wenn der Sportler die Methode alleine durchführen kann, ist das finale Ziel erreicht. Das Ballen der Hand zu einer Faust soll das Stoppsignal verstärken und den Gedanken unterbrechen. Im Anschluss kann auch ein positiver Alternativgedanke vereinbart und die Faust wieder gelockert werden. Der Sportler wird den unerwünschten Gedanken nach wenigen Tagen oder auch Stunden voll unter Kontrolle haben (vgl Fliegel et al., 1989, S. 78).

Fazit: Pepe hat seinen Ruf wenige Wochen nach seiner Schmierenkomödie im Champions-League-Endspiel gegen Atlético Madrid eindrucksvoll restauriert. Welche Inhalte die sportpsychologische Betreuung Pepes hatte, bleibt Spekulation und kann abschließend nicht beantwortet werden. Letzteres sollte jedoch auch nicht das Ziel sein. Vielmehr sollte an einem Beispiel verdeutlicht werden, wie eine sportpsychologische Zusammenarbeit aussehen könnte.

Autor: Thorsten Loch

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