14.06.2016

Weil sportlicher Erfolg auch Kopfsache ist

Die unterschätzte Bedeutung der Sportpsychologie in der Verletzungsrehabilitation.

Verletzungen sind immer auch eine psychologische Belastung für den Sportler.

Spätestens mit Beginn der Fußball-Europameisterschaft wird es um eine Personalie richtig ruhig: Marco Reus. Der Dortmunder Offensivspieler sollte eigentlich ein wichtiger Faktor im Angriff der deutschen Nationalmannschaft werden, musste aber wegen einer zu schwerwiegenden Verletzung seine Teilnahme absagen. Mal wieder. Schon vor der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien verpasste der hochbegabte Reus das Turnier verletzungsbedingt. Zugegeben, solche Pechsträhnen sind selten, das Phänomen von Verletzungen aber umso verbreiteter. Und das schlimmste: Es herrscht großer Nachholebedarf hinsichtlich der Einbeziehung von sportpsychologischen Methoden in der Rehabilitation. Der Fall Reus kann also vielen Sportlern eine Lehre oder eine Warnung sein. 

Schauen wir einmal genauer hin: Verletzungen und Schmerzen gehören ebenso zum Sport wie Sieg und Niederlage. Nach offiziellen Schätzungen ereignen sich allein in Deutschland jährlich 1,25 Millionen Sportunfälle, die ärztlich behandelt werden müssen (Henke et al., 2000). Sportverletzungen, welche eine Unterbrechung des Trainings- und Wettkampfalltags zur Folge haben, bedeuten für die meisten Sportler einen erheblichen Einschnitt in den gewohnten Lebensrhythmus. Die Art und Schwere der Verletzung, der Saisonzeitpunkt und weitere Faktoren spielen eine entscheidende Rolle für die mentale Verfassung der Sportler, die weitreichende Folgen nach sich ziehen können. In diesem Kontext ist es umso mehr verwunderlich, dass sich die Rehabilitation darauf beschränkt, den verletzten Sportler mit rein medizinischen, physiotherapeutischen und trainingswissenschaftlichen Maßnahmen möglichst schnell wieder fit zu bekommen, ohne sich dabei mit der psychischen Beanspruchung der Verletzten auseinanderzusetzen. Diese einseitige Betrachtungsweise kann zu erheblichen Differenzen zwischen psychischen und physischen Leistungsvoraussetzungen bei der Re-Integration in den Sportalltag führen. Damit es möglich wird die Reichweite der „Schmerzen“ der Betroffenen zu begreifen, reicht es nicht auf der körperlichen Ebene zu bleiben, sondern es müssen auch die damit verknüpften Ängste, Sorgen und soziale Veränderungen in die Überlegungen mit einbezogen werden. Effektive Rehabilitation setzt eine ganzheitliche Sichtweise voraus – Körper und Geist müssen parallel genesen.

Vorherrschende Sichtweise in der Rehabilitation

Eine aus medizinischer Sicht vollendete Rehabilitation eines Sportlers ist jedoch selten gleichbedeutend mit unmittelbarer, hundertprozentiger Leistungsfähigkeit. Dies hat mehrere plausible, medizinische und psychologische begründete Ursachen. Es ist jedoch auffallend, dass verletzte Sportler nach erfolgreicher Rehabilitation in vielen Fällen nicht mehr an das alte Leistungsniveau anknüpfen können oder erst nach langer Wiedereinstiegszeit. Und das, obwohl aus physiologischer/medizinischer Sicht die Strukturen wieder zu hundert Prozent belastungsfähig sind. Als Beispiel kann hier der ehemaligen Schweizer Skirennfahrer Daniel Albrecht genannt werden. Nach seiner schweren Verletzung im Abschlusstraining im Jahr 2009 (Schädel-Hirn-Trauma) gab Albrecht nach 22 Monaten sein Comeback. Er konnte jedoch nicht mehr an die vergangenen Leistungen anknüpfen und gab im Oktober 2013 sein Karriereende nach 138 Weltcuprennen bekannt. Stellt man Trainer, Sportler oder Mediziner die Frage woran es liegt, lautet die Antwort häufig: „Der Kopf spielt noch nicht mit!“. Diese Entwicklung überrascht kaum. Denn die nach wie vor vorherrschende Sichtweise für eine erfolgreich abgeschlossene Rehabilitation ist, dass der Knochen wieder zusammenwächst, das Band wieder hält oder das Gelenk wieder einen bestimmten Winkel erreicht (HERMANN/EBERSPÄCHER, 1994). Jedoch können insbesondere bei längerfristigen Rehabilitationsphasen die psychischen Blockaden der Athleten deren Genesungsfortschritt stören. Dies kann zu erheblichen Differenzen zwischen psychischen und physischen Leistungsvoraussetzungen bei dem Wiedereinstieg in den Sport führen. Der mentale Rehabilitation wird immer als ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Rehabilitation angesehen, jedoch wird in der Praxis weiterhin frei nach dem Motto interveniert: „Der Kopf rehabilitiert sich von allein!“. Prinzipiell muss festgehalten werden, dass generell psychische Probleme in der als Folge von Verletzung von Sportlern in der Rehabilitation unterschätzt oder auch ignoriert werden. Jedoch bietet die Sportpsychologie den verletzten Sportlern einige Möglichkeiten erfolgreich aus der Krise Verletzung herauszukommen. Um jedoch entsprechende Interventionen ableiten zu können, ist es wichtig die Verletzung im System Leistungssport und deren Wechselwirkungen zwischen den Systemen zu verstehen.  

Verletzung als bio-psycho-soziales Phänomen

Der Beginn einer Verletzung als solches kann als ein Prozess angesehen werden, welcher seinen Ursprung in der Verunsicherung des Sportlers hat. Diese hat zur Folge, dass die sportliche Handlung fehlerbehaftet ausgeführt oder z.B. die Spielsituation gänzlich gemieden oder nicht voll „durchgezogen“ wird. Dies wiederum führt dazu, dass das Verletzungsrisiko steigt und Einbußen in der Leistungsfähigkeit im Kauf genommen werden müssen. Mentale Aspekte beeinflussen jedoch nicht nur die Entstehung einer Verletzung, sondern spielen ebenfalls im Heilungsprozess eine entscheidende Rolle. Je nach Zeitpunkt gewinnen die unterschiedlichen Bereiche des Phänomens Verletzung eine anders geartet große Bedeutung. In der Frühphase sowie in der Übergangsphase vom Training in den Wettkampf sind Emotionen und gedankliche Prozesse besonders ausschlaggebend. Dagegen spielen in der Hauptphase die Motivation und die körperlichen Heilungsvorgänge des Sportlers über Erfolg oder Misserfolg der Rehabilitation eine wichtige Rolle. Allen voran werden die Gefühlslage und die Befindlichkeit von den beiden Systemen sportliches sowie privates Umfeld beeinflusst und nehmen somit direkten Einfluss auf die mentale Verfassung des Athleten (KLEINERT, 2003). In erster Hinsicht ist die Verletzung geprägt durch die körperliche Beeinträchtigung, sprich die Zerrung im Adduktorenbereich, das Supinationstrauma im Sprunggelenk oder der Knochenbruch. Die Wahrnehmung dieser körperlichen Veränderung und der damit einhergehende Beschwerden und Schmerzen, sind jedoch immer von psychischen Symptomen begleitet wie Ärger, Wut, Niedergeschlagenheit, Trauer oder Resignation. Doch nicht allein die Gefühle und Emotionen, sondern ebenfalls die Gedanken über die Verletzung stellen einen wichtigen Faktor im Genesungsprozess da (KLEINERT, 2003). In der Summe prägen die Gefühle und Gedanken des Sportlers die Art und Weise, wie der Sportler auf seine Umwelt wirkt. Je nach Ausmaß reagiert das soziale System mit Unverständnis oder Einfühlungsvermögen, mit Unterstützung oder Hemmung. Diese Reaktionen beeinflussen die Motivation zur Heilung, zur Rehabilitation und zum Wiedereinstieg in das sportliche Training und den Wettkampf. Nur wenn es gelingt die beschriebenen psychischen, körperlichen und sozialen Abläufe in ihrer Gesamtheit und unter Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen diesen Systemen betrachtet, ist es möglich die Verletzung als Krise zu erkennen, zu verstehen und zu bewältigen.

Merkmale erfolgreich rehabilitierender Sportler

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob es Unterschiede in den Verhaltensweisen, Merkmale oder Einstellungen zwischen langsam und schneller rehabilitierenden Sportler gibt, welche den Genesungsprozess positiv beeinflussen und dazu führen, dass die Rekonvalenzzeit vergleichsweise schnell und ohne weitere Komplikationen überstanden wird. In mehreren Retroperspektiven-Studien untersuchten HERMANN und EBERSPÄCHER (1994) was den verletzten Athleten neben der fachmedizinischen Betreuung am meisten geholfen hat. Auffallend hierbei ist, dass die Mehrzahl an Nennungen auf eigenverantwortliche Inhalte bezogen wurde. So sind „positive Einstellung“, „Willensstärke“, „Mentales Training“ und das „Wissen über Behandlungsinhalten“ vor allem der Eigeninitiative zu zuordnen. Das Arztverhalten, Unterstützung seitens der Familie und des sportlichen Umfelds (Teamkollegen, Trainer, sonstige Betreuer) sowie begleitende sportphysiotherapeutische/krankengymnastische Maßnahmen können hingegen zu externen Maßnahmen gezählt werden. Ebenfalls interessante Ergebnisse konnten IEVLEVA/ORLICK (1991) zeigen. Die Autoren untersuchten 32 knöchel- und knieverletzte Sportler, welche mit eine durchschnittliche Genesungszeit von 10 Wochen einhalten mussten, nach ihren psychologischen Strategien während der Rehabilitation. Allen voran in dem Bereich „positives Selbstgespräch“ und „realistische Zielsetzung“ wichen die Untersuchungsgruppen statistisch bedeutsam voneinander ab. Am stärksten waren diese Faktoren ausgeprägt bei der Gruppe der schneller rehabilitierten Sportler. Zusätzlich unterschied sich die schnelle von der langsamen Gruppe durch die konsequente Vorstellung des Heilungsprozesses („Healing Imagery“). 

Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzung

Mittels psychologischen Aufbautrainings soll der verletzte Sportler in die Lage versetzt werden, parallel zu der körperlichen Genesung, seinen mentalen Bereich zu unterstützen bzw. zu rehabilitieren. Die Trainingsverfahren sind für die Anwendung in der Rehabilitation modifiziert, entsprechend aber hinsichtlich der theoretischen Basis, Wirksamkeit und Anwendungsform den Verfahren des kognitiven Fertigkeitstraining zu zuordnen (BECKMANN/ELBE, 2008). Im Einzelnen kommen die Verfahren der Selbstgesprächsregulation, Mentales Training, Training der Aktivationsregulation und Training der Kompetenzerwartung zum Einsatz.


Maßnahmen in der Akutphase

In der Akutphase können von den Betroffenen vor allem im Bereich der Selbstkontrolle wichtige Grundlagen für eine erfolgreiche Rehabilitation gelegt werden. So ist darauf zu achten, dass die eigenen Gedanken nicht auf Selbstzweifel („Ich bin immer vom Pech verfolgt.“), Ärger („Das kann auch nur mir passieren.“), Katastrophisierung („Ich werde nie wieder richtig fit!“) oder ähnlich negative Inhalte gerichtet sein. Hilfreich für eine positive Einstellung zur Rehabilitation sind vielmehr neutrale oder realistisch-optimistische Situationseinschätzungen, die sich im Selbstgespräch ausdrücken (siehe Facebook-Post Marco Reus).

Fazit:

Das Phänomen Verletzung und dessen Auswirkungen auf die verschiedenen Systemen der Athleten offenbaren, dass eine ganzheitliche Rehabilitation sich nicht ausschließlich auf die physiologischen Aspekte konzentrieren darf. Leider ist es dies häufig immer noch ein allgemeines Einverständnis, welches jedoch Schritt für Schritt abgebaut wird.


Autor: Thorsten Loch (Die Sportpsychologen)


Literatur:

Beckmann, J./Elbe, A.M. (2008). Praxis der Sportpsychologie im Wettkampf- und Leistungssport. Spitta Verlag: Balingen.

Eberspächer, H./Hermann, H.D. (1994). Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen. Blv Buchverlag: München.

Henke, T./Gläser, H./Heck, H. (2000). Sportverletzungen in Deutschland. Basisdaten, Epidemiologie, Prävention, Risikosportarten, Ausblick. In: Neue Wege zur Unfallverhütung im Sport. Köln: Sport u. Buch Strauß (Verlag), S. 139-165

Kleinert, J. (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise. Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen. BLV Verlagsgesellschaft mbH. München.

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