19.02.2019

Wenn ein Tabuthema Verständnis einfordert

"Ich konnte das Gerüst nicht mehr tragen, es wurde zu viel. Ich muss wieder komplett Frieden mit Körper und Geist schließen"

Bild: Die Kartoffelkäfer

Da fiel mir doch glatt die Kaffeetasse aus der Hand, als ich in der Morgenlektüre der Aachener Zeitung lesen musste, dass unsere Nummer 1, Niklas Jakusch, psychisch erkrankt ist. Nun sind Meldungen und Handlungen des Vereins beziehungsweise Spielers verständlicher geworden, bei denen man sich vor ein paar Wochen noch fragte, was denn da los ist.

Niklas Jakusch, der vor der Saison vom TuS Erndtebrück an den Tivoli wechselte, war vom Anfang an nicht unumstritten in der Fanszene. So zeigte er neben starken Paraden auch Patzer und Unsicherheiten, die schnell in diversen Social Medien dazu verleiten ließen, dass er besser auf die Bank gehört. 


Anfang November 2018 machte Niklas Jakusch dann sein vorerst letztes Spiel im Alemannia-Tor, beim Bonner SC gab es ein 1:1. Eine Woche später las man im Vorbericht zum bevorstehenden letzten Heimspiel der Hinrunde gegen die Zweitvertretung von Borussia Dortmund: “Ein Fragezeichen steht hinter dem Einsatz von Torhüter Niklas Jakusch, der aufgrund eines grippalen Infekts im Training kürzer treten musste". Für ihn würde gegebenenfalls Daniel Zeaiter zwischen die Pfosten rücken. "In der Woche nach dem Spiel hat er komplett verunsichert gewirkt, etwas stimmte nicht, er war nicht frei im Kopf", so die Beobachtung von Trainer Fuat Kilic. Niklas wurde kardiologisch, neurologisch und orthopädisch untersucht – ohne jeden Befund. Später erklärte man den Torwartwechsel mit einer Viruserkrankung unter der Niklas leidet.

"Mit dieser Idee wollten wir ihm allen Druck nehmen"

In der Winterpause wurde dann plötzlich händeringend ein weiterer Torwart gesucht, wo man sich fragte "warum diese Not? Haben wir mit unserer Nummer 2 und 3 nicht ausreichend gute Leute im Hintergrund, im Zweifel sogar noch ein guter A-Jugend Torhüter?" So gaben sich bis zu drei Torhüter die Klinke in die Hand und wurden im Training und Testspielen gecastet. Trainer Fuat Kilic wollte in Absprache mit Niklas Jakusch einen weiteren ambitionierten Torwart verpflichten, um den Druck zu nehmen. Am Ende machte das Budget einen Strich durch die Rechnung und vielleicht kann man jetzt auch irgendwo nachvollziehen, warum es da so hektisch wurde.

"Ich musste Fuat zu meinem Glück nicht suchen, ich hatte ihn"

Nun wurde es seitens der Aachener Zeitung publik, wobei ich es schöner empfunden hätte, wenn der Verein es zuerst vermeldet hätte. Das hätte diesem und vor allem Niklas Jakusch zugestanden. Es ist leider immer noch ein Tabuthema mit solch einer Erkrankung an die Öffentlichkeit zu gehen. Deshalb großen Respekt an Niklas, dass er dies nun gemacht hat. Diese Erkrankung hat weniger mit dem Sport zu tun, sondern ist laut Niklas eher im persönlichen Umfeld angesiedelt. Nach einem Herzinfarkt seines Vaters setzte bei ihm Panik ein, vor einer eigenen Herzkreislauferkrankung. 

Als Niklas merkte, dass es nicht mehr geht, offenbarte er sich seinem Trainer, der schnell akzeptierte, dass auch Profis nicht immer funktionieren wie eine Maschine. Der Verein und Trainer halfen ihm in dieser schweren Zeit, was auch nicht so selbstverständlich ist, wie es sich anhört. Nach einigen Wochen Pause und psychologischer Betreuung kehrte er zum Trainingstart im Januar wieder ins Mannschafstraining zurück. Er bestimmt nun selbst seine Intensität und Rhythmus, die Alemannia lässt ihm die Zeit, die er braucht. Die Mannschaftskollegen wurden informiert wie es um die Nummer eins bestellt ist. Er braucht nun Zeit und diese bekommt er. Da spielt auch ein auslaufender Vertrag des 29-jährigen keine Rolle, denn es gibt keine zeitlichen Prognosen und es gibt auch niemanden, der Tempo einfordert.

Für solch eine Erkrankung gibt es in den ärztlichen Fachkreisen die Diagnose „Belastungsstörung“, die verbunden ist mit depressiven Phasen. Der Körper des Leistungssportler funktionierte nicht mehr. Leider ist es auch im Jahre 2019 noch so, dass dieses Thema eher defensiv behandelt wird. Es gibt immernoch die Befürchtung, dass ein Outing dazu führt, dass die Karriere beendet wird, da niemand mehr einen solchen Spieler haben will. Ganz zu schweigen von der “Häme”, der man auf dem Platz ausgesetzt wäre und die einem aus der Fankurve entgegen schallen könnte. Diese Erfahrungen mit solch einem Druck mussten schon einige Spieler, Trainer und auch Schiedsrichter hinnehmen. Man erinnert sich noch an Hannovers Torwart Robert Enke, der sein Leben beendete oder an Schiedsrichter Babak Rafati, der einen Selbstmordversuch unternahm. Auch Trainer sind vor solch einer Erkrankung nicht gefeit, Ottmar Hitzfeld in seiner Dortmunder Zeit sowie Ralf Rangnick durchlebten ähnliche Erfahrungen damit.

Wie gut, dass sich Niklas offenbart hat und ihm geholfen wird. Vor allen mit dem Wissen, dass man hinter ihm steht, um ihm zu helfen diese Krankheit zu überwinden. Da sollten auch wir Fans dran mitwirken. Man ist als Fan geneigt, viel zu schnell über jemanden zu urteilen. Auch wenn das Fußballgeschäft sehr schnelllebig ist, sind gerade wir in Aachen doch versucht, das Rad ein bisschen fester zu halten, damit es langsamer dreht.

Alles Gute Niklas – werde wieder gesund!

Quelle: Dirk Förmer / Die Kartoffelkäfer

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