24.09.2013

„Kinder an die Macht“

Ein Pilotprojekt bei den Kölner D-Junioren soll den Fußball zurück in den Fokus rücken und Eigenverantwortung lehren.

Die "FairPlayLiga" soll Eigenverantwortung, Menschlichkeit und Sensibilität für Fairness in der D-Jugend steigern.

„Gebt den Kindern das Kommando“, singt Herbert Grönemeyer seit fast 30 Jahren auf Deutschlands Bühnen. Diese Idee scheint nun im Fußball einen dankbaren Abnehmer gefunden zu haben. Das Pilotprojekt „FairPlayLiga“, bei dem die kleinen Spieler dem Schiedsrichter Entscheidungen abnehmen und nicht mehr von außen beeinflusst werden, hat es inzwischen bis in den D-Jugend-Fußball geschafft. Kindgerechterer Fußball, mehr Eigenverantwortung und Sensibilität für Fairness werden so erfolgreich vermittelt.

„Klärt das untereinander!“ Ein Satz, der einem im Fußball bisher sehr befremdlich vorkommt. Schließlich ist der Schiedsrichter dafür da, strittige Situationen nach seinem Ermessen zu bewerten und bei jedem Aufeinandertreffen zweier Fußballvereine auf dieser Welt die Entscheidungen zu treffen. Zumindest bei den kleinen Kickern scheint sich das aber nun zu ändern. Nach einer Idee von Ralf Klohr, dem Fair-Play Beauftragten vom Kölner Kreisjugendausschuss ist die D-Jugend Staffel 7 im Kreis Köln nun zum Pilotprojekt dafür ausgerufen worden, dass Fairplay auf dem Rasen wieder gelebt wird.

Einwurf, Abstoß und Eckball werden selber entschieden

In der „FairPlayLiga“, wie sich die Staffel nun nennt, entscheiden die Spieler selbst über Einwurf, Abstoß oder Eckball. Wenn Uneinigkeit herrscht, tritt der Schiedsrichter, der alle anderen Entscheidungen auch weiterhin trifft, als Moderator auf, ohne aber jemals die Entscheidung abzunehmen. Reicht auch das nicht, wird das Spiel einfach beendet. Außerdem müssen Eltern und Fans einen Abstand von 15 Metern zum Spielfeld einhalten und die beiden Trainer, die von nun an in einer gemeinsamen Coaching-Zone stehen, halten sich mit Anweisungen so weit wie möglich zurück.

Drei Regeln, die drei Ziele verfolgen: „Den Kindern soll der Fußball zurückgegeben werden. Die vollkommen unverhältnismäßigen Emotionen neben dem Platz nehmen nicht nur den Spaß, sondern auch den Fokus vom eigentlichen Spiel und machen den Sport wenig kindgerecht“, erklärt Klohr. „Außerdem sollen die Kinder für Fairness sensibilisiert werden und Eigenverantwortung lernen.“

Lehrer rufen bei Klassenarbeiten auch nicht rein

Einen plausiblen Vergleich zieht Klohr zum Klassenzimmer. „Bei einer Mathearbeit brüllen Lehrer und Eltern auch nicht rein: 'Zwei und zwei sind vier!' Dann wäre die Aufgabe zwar richtig, aber gelernt hätte das Kind dadurch nicht. So verhält es sich auch mit Kommandos au dem Rasen. Nur, wenn die Spieler selbst Entscheidungen treffen, lernen sie auch daraus“, so der 51-Jährige.

Durch das Sensibilisieren für Fairness werden auch die Schiedsrichter deutlich entlastet. In weiten Teilen Deutschlands wird das bei den Bambinis und in der E- und F-Jugend bereits praktiziert. „Man ist dabei auch auf die Eltern und Trainer angewiesen. Wenn diese Vorbilder den Kindern weismachen, das diese Idee Mist ist, wird sie nicht funktionieren.“ Je höher es in der Liga geht, desto mehr steigt der Leistungsdruck und desto schwieriger ist die Umsetzung des Projekts. Wichtig ist vor allem die Zusammenarbeit mit dem Schiedsrichter-Ausschuss. Diese funktioniert bisher blendend, wie Klohr betont.

„Entweder du hörst jetzt auf oder du änderst etwas“

Die Idee für ein Fußballspiel ohne Schiedsrichter hatte Ralf Klohr 2007. Damals, als er noch im Kreis Aachen arbeitete, musste er bei einem Junioren-Spiel mit ansehen, wie Spieler, Trainer, Eltern aneinandergerieten. Es artete sogar in eine Schlägerei aus und das Spiel musste abgebrochen werden. „Ich dachte mir: Entweder du hörst jetzt auf oder du änderst etwas.“

Klohr traf die richtige Entscheidung. Mit der Idee, den Druck und das Anspruchsdenken aus dem Kinderfußball zu entfernen, entwickelte er die heute beliebte Idee, die Kinder möglichst viel selbst entscheiden zu lassen. Seiner Meinung nach könnte man das sogar auf den Seniorenfußball ausweiten. „Überall, wo es keine fest installierten Schieds- und Linienrichter gibt, kann so etwas prinzipiell funktionieren. Von mir aus bis zur Kreisliga A."

„Mit der Pubertät wird es problematisch“

Alexander Busse, Schiedsrichter mit langjähriger Erfahrung im Jugend- und Seniorenbereich, ist da anderer Meinung. „Die Idee, die dieses Projekt hat, ist phantastisch und bei den Kleinsten sehr förderlich. Ab der C-Jugend, wenn die Kicker in die Pubertät kommen und das Anspruchsdenken, Geld und Auf- und Abstiege immer mehr ins Zentrum rücken, wird es aber problematischer. Dann gibt es genug rücksichtslose und sture Spieler, die sich mit aller Macht durchsetzen wollen. Außerdem darf sich laut DFB-Reglement der Zuschauer verhalten wie er will, solange er nicht aktiv ins Spielgeschehen eingreift. Wie soll ich da das Reinrufen oder Pöbeln ahnden?“, so der 24-Jährige.

Klohr und Busse wissen, dass es in E- und F-Jugend vor allem die Zuschauer sind, die die Spiele durch ihr Reinrufen beenden. Die kleinen Akteure dagegen erfreuen sich an den Regeln. An den ersten beiden Spieltagen in der D-Junioren-Staffel 7 verlief das Spielgeschehen reibungslos. Wenn das auch bei Derbys und entscheidenden Spielen so bleibt, ist die „FairPlayLiga“ ein Erfolg und der Fußball und die Menschlichkeit haben gewonnen.

Autor: Daniel Sobolewski

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