21.06.2013

Besuch vom Hausmeister

Der Kölner Joti Stamatopoulos war vier Jahre lang „Hausmeister Joti“ bei der Sendung „Fujuma“ im DSF und übte Fußballtricks mit einer heute erfolgreichen Generation junger Fußballer. Nach Trainerstationen in Griechenland und Estland ist der junge Familienvater zu Besuch in der Heimat. RHEINFUSSBALL traf ihn zum Interview.

Mit einem Mal bin ich wieder 15. Ein pubertierender Jugendlicher, dem die Boxershorts aus der Jeans lugt, mit blonden Strähnen im Haar wie der junge David Beckham und stets einer halbstarken Pose parat; der außer dem Mädchen aus der Parallelklasse – dem mit der Zahnspange, den Zöpfen und Sommersprossen – nur eines im Sinn hat: Fußball, Fußball und nochmal Fußball. Nach der Schule raus auf den Bolzplatz, kicken mit den Jungs, Hoch eins, die neuesten Tricks ausprobieren, um dem großen Traum und gleichzeitig einzigem Lebensplan nachzueifern: Fußballprofi werden. Doch eigentlich bin ich schon lange nicht mehr 15 und Fußballprofi werde ich auch nicht mehr. Im Gegenteil: Die Kreisliga zeigt mir – ob ich es wahrhaben will oder nicht – Woche für Woche meine Grenzen auf.

Das Gefühl zurückgebracht hat eine besondere Begegnung auf Kunstrasen, auf dem Dach des Deutschen Sport- und Olympiamuseums in Köln. Eine Begegnung mit dem Hausmeister. Einer Generation von Fußballern – der Generation Özil, Müller und Co. – wird er für immer unter diesem Namen ein Begriff sein. Die Rede ist nicht von Huusmeister Kaczmarek (ein Lied der Bläck Fööss – für alle, die auf dem Schlauch stehen), und auch nicht von Hausmeister Krause, sondern von Hausmeister Joti. Joti Stamatopoulos, mittlerweile 40 Jahre alt, verheiratet und Vater eines drei Monate alten Sohnes, erklärte unter diesem Pseudonym zu Beginn dieses Jahrtausends vier Jahre lang die neuesten Fußballtricks in der Sendung „Fujuma“ (Fußball-Jugend-Magazin) im Deutschen Sport Fernsehen (DSF), dem heutigen Sport 1.

Nun stehe ich also mit Joti auf dem Dach des Sportmuseums, dem Ort wo er mit Bundesligaspielern und Nachwuchsstars vor der Kamera plauderte und eben jene kleinen Ballkunststücke erklärte, die die Kinder auf den Bolzplätzen nachahmten. Er erinnert sich: „Mit Zé Roberto stand ich hier oben und wir haben diesen einen Trick gemacht, du weißt bestimmt welchen ich meine! Den, bei dem man einmal mit dem Fuß um den Ball geht und wieder zurück.“ „Around the world“, sage ich mit meinem Bolzplatzwissen von damals. Joti rollt mir den Ball zu – und mir gelingt der Trick, den niemals irgendwo auf der Welt ein Fußballer je in einem Spiel anwenden wird, auf Anhieb. „Siehst du, ihr könnt diese Tricks alle“, sagt Joti. Ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich bin stolz wie Oskar – wie ein 15-Jähriger eben.

Für den griechischstämmigen Kölner Joti Stamatopoulos war Fujuma gleichbedeutend der Startschuss einer Trainerkarriere in jungen Jahren. Nachdem er auf dem Hansa-Gymnasium sein Abitur bewältigt hatte, stand er Anfang der 90er Jahre bei Fortuna Köln auf dem Sprung zum Profi, doch Mäzen „Schäng“ Löring machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Der Schritt zur Lizenzspielermannschaft sei zu groß, vermittelte der Klub-Boss dem Jungspund, der Löring mutig in seinem Büro aufgesucht und seine Chancen eingefordert hatte. Es folgten einige Stationen im Kölner Amateurfußball und bereits mit 28 eine hartnäckige Knieverletzung, die Stamatopoulos zum Karriereende zwang. Vorher schon hatte er als Jugendtrainer gearbeitet, nun machte er sich schnell auf der Trainerbank einen Namen: Beim neugegründeten DFB-Stützpunkt, dem SC West, den Sportfreunden Troisdorf und schließlich 2006, durch Kontakte seines Ziehvaters Erich Rutemöller, als Co-Trainer von Ewald Lienen bei Panionios Athen.

Nach Engagements als Cheftrainer bei Panionios, in Griechenlands dritter Liga sowie in Estland, ist Stamatopoulos im Sommer 2013 vereinslos, nachdem er bei einem griechischen Drittligisten seinen Vertrag aufgelöst hat. Wir sitzen zwei Etagen tiefer, im Café des Sportmuseums und reden darüber, wie es ist Profis zu trainieren, im Vergleich zu Amateuren. Darüber, wo er den Fußball auf Kölner Straßen kennengelernt hat und über Fujuma, die Sendung, die ihn bekannt gemacht und dazu beigetragen hat, den trickreichen, kreativen Fußball in der Bundesrepublik wieder salonfähig und erfolgreich zu machen. Auch wenn Stamatopoulos das, zurückhaltend und bescheiden, natürlich nie so zugeben würde.

Herr Stamatopoulos, grob ein Jahrzehnt ist es bald her, dass Sie hier im Sportmuseum für Fujuma gedreht haben. Kommen gerade alte Erinnerungen hoch?

Klar, das war eine tolle Zeit. Ich erinnere mich gerade daran, wie wir hier mit Zé Roberto Drei gegen Drei gespielt haben. Danach hat mich Zé gefragt: „Du auch Bundesliga!?“ (lacht). Ich musste leider verneinen.

Was war die Idee der Sendung?

Ich konnte damals nicht ahnen, wie groß die Sendung geworden ist und dass wir das vier Jahre lang machen würden. Unsere Grundidee war es, die Kinder wieder auf die Bolzplätze zu bekommen. Stefan Holtschke, der Erfinder der Sendung, zu dem ich noch immer einen guten Draht habe, hatte immer neue Ideen. Eine davon war die Rubrik „Hausmeister Joti“, wo wir unter anderem Tricks erklärten und Nachwuchstalente im Gespräch hatten. Wir hatten damals Spieler zu Gast, die heute Weltklasse sind. Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Philipp Lahm, Mario Gomez – die waren alle bei uns. Die Spieler wollten damals zu uns kommen, haben bei uns angerufen: Was ist mit mir, wann komme ich zu Fujuma? Ich erinnere mich an einen Dreh bei einem A-Jugend-Turnier in Freiburg, dort hat Marcelo Bordon die Pokale überreicht. Er sah mich und sprach mich an: „Ich will auch zu Fujuma, mach das klar!“ Ich war stolz, dass Spieler wie er unsere Sendung sahen. Das war ein tolles Gefühl.

Erzählen Sie mehr aus der Fujuma-Zeit.

Wir waren bei großen Nike-Events eingeladen, bei Veranstaltungen von EA Sports. Einmal habe ich mit Roberto Carlos im Santiago Bernabeu FIFA gespielt. Überall wo wir hinkamen war ein Riesenhype. Ich war zu der Zeit in den Anfängen meiner Trainerkarriere beim SC West und später in Troisdorf. Wenn mich die Jungs auf den Plätzen dann erkannt haben, wurde immer getuschelt: „Ist das der Hausmeister?“ Noch heute werde ich darauf angesprochen.

Zu dieser Zeit hat im deutschen Fußball ein Umdenken stattgefunden, die Trainer- und Spielerausbildung wurde verändert und bekam höheren Stellenwert, es wurde mehr Wert auf Technik gelegt. Wie hat Fujuma dazu beigetragen?

Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir den Fußball verändert haben. Aber die Sendung war vielleicht tatsächlich ein Vorreiter und hat einen Teil dazu beigetragen, dass die Kinder wieder auf die Bolzplätze gegangen sind und diese Bolzplatzmentalität wiederkehrte. Auch wenn es nicht draußen war, dann wurde in den aufkommenden Soccerhallen wieder Drei gegen Drei und Fünf gegen Fünf gespielt. Wir haben E-Mails bekommen, Videos, Briefe – die Kids haben die Tricks, die wir vorgemacht haben, zu Hause probiert. Daraus sind ja sogar ganze Veranstaltungen entstanden, bei denen es für die besten Tricks etwas zu gewinnen gab.

Auf welchen Kölner Bolzplätzen sind Sie großgeworden und wie hat Sie das geprägt?

Wir hatten das große Glück, dass wir in Riehl, wo ich aufgewachsen bin, einen Fußballkäfig hatten – einen richtigen: mit Asphaltboden und Bande. Das war an der Rotterdamer Straße, gegenüber vom Zoo, den Platz gibt es mittlerweile nicht mehr. Da haben wir damals acht bis zehn Stunden gekickt, schon im Kindergartenalter. Dort habe ich mehr gespielt, als im Verein trainiert. Bei meinem Heimatverein DJK Löwe hatten wir nämlich nur einmal die Woche Training. Unterbewusst lernt man da ganz viel: das schnelle Spiel, die Technik. Meine Bolzplatzerfahrungen haben mich auf ein höheres Niveau vorbereitet.

Tricks, das schnelle Spiel, starke Technik. Vokabeln, die im deutschen Fußball keine Fremdwörter mehr sind. Was hat sich hier in den letzten Jahren getan?

Vor zehn Jahren, als die Vereine die Leistungszentren hochgezogen haben und der DFB das Stützpunktsystem entwickelt hat, war Mehmet Scholl noch eine Ausnahme. Bei jedem Trainerlehrgang wurde Scholl als Musterbeispiel für das Eins gegen Eins herangezogen – als wäre er damals tatsächlich der einzige gewesen, der das gekonnt hätte. Sprich: Spieler wie er waren in Deutschland eine Seltenheit. Heute ist es wieder selbstverständlich, dass ein Reus oder ein Götze ins Eins gegen Eins gehen. Dass wir Spieler haben die schnell sind, dribbelstark und torgefährlich. Im Training wird auch wieder mehr auf Kleinfeldspiel geachtet. Das ist sehr wichtig und spricht für die tolle Entwicklung, die der deutsche Fußball genommen hat.

Was macht den Fußball für Sie aus?

Das ist ganz einfach: Fußball ist für mich wie eine positive Droge, von der du nicht mehr loskommst. Mit den Menschen auf einem Platz zu stehen, mit ihnen Freude und Enttäuschung zu erleben. Für mich stand früh fest, dass ich im Fußball arbeiten wollte. Nachdem es als Spieler nicht geklappt hat, stand ich kurz davor, mein Jurastudium zu beenden. Da kam das Angebot, den SC West zu trainieren und für Fujuma zu arbeiten. Seitdem wurde der Fußball zu meinem Hauptberuf. Das hat mein Leben komplett verändert, aber ich habe den Schritt nie bereut und viele tolle Dinge erlebt.

Zum Beispiel haben Sie als Co-Trainer von Ewald Lienen bei Panionios Athen im Uefa-Cup gespielt, Sie waren Cheftrainer bei Panionios und anderen griechischen Klubs, außerdem in Estland. Was haben Sie gelernt?

Ob von Ewald oder von Erich Rutemöller, der für mich noch immer eine Vaterfigur ist, oder Peter Neururer, bei dem ich in Ahlen hospitiert habe: Ich habe von allen Trainern viel mitgenommen. Vielleicht am wichtigsten war nicht einmal das Fachliche, sondern das Zwischenmenschliche. Um eine Mannschaft zu führen, ist gegenseitiger Respekt das allerwichtigste.

Sie haben Amateure und Profis trainiert. Was ist der Unterschied?

Manch ein Spieler im Amateurfußball hat zehn Stunden Fliesen gelegt, bevor er zum Training kommt. Den musst Du noch mehr motivieren als einen Profi, der weiß, dass er mit dem Fußball seine Familie zu ernähren hat. Das ist natürlich nicht immer einfach. Dagegen bist du im Profifußball viel mehr vom Erfolg abhängig, darfst dir keine drei Niederlagen am Stück erlauben. Ansonsten gibt es nicht viele Unterschiede: Alle wollen spielen, alle wollen gewinnen.

Sie sind seit ein paar Wochen vereinslos und wieder in Köln. Was nun?

Ich lasse alles auf mich zukommen, wie ich es immer gemacht habe. Es gab schon wieder Anfragen aus Griechenland, aber es gibt dort sehr wenige Vereine, die wirtschaftlich gut auf den Beinen stehen und so ein Job wäre dann nicht auf Langfristigkeit ausgelegt. Jetzt möchte ich erst einmal mit meiner Familie Köln genießen.

Das heißt für Sie?

Am Rhein joggen, mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn durch die Flora und den Zoo spazieren, in der Altstadt einen Cocktail trinken oder mit Freunden bei einem leckeren Kölsch ein Fußballspiel genießen – die Kleinigkeiten machen es aus.

Fujuma beendeten Sie immer mit der Phrase des rosaroten Panthers: „Heute ist nicht alle Tage – ich komm‘ wieder, keine Frage.“ Gilt das auch für Ihre Trainertätigkeit in Köln?

(Lacht) Nein, das passt so nicht. Ich hoffe, dass ich bald wieder einen Klub trainieren darf und werde jede Sekunde auf dem Platz genießen, denn ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Am liebsten würde ich natürlich in Deutschland arbeiten, aber ich weiß, dass das schwer ist. Bislang hatte ich immer das Quäntchen Glück und hoffe, das habe ich weiterhin – wo auch immer es auf mich wartet.

Interview: Sebastian Fischer, Fotos: Thorben Bockelmann

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