Sieh an! - Libellenbeobachtungen

In über 50 Jahren Libellenbeobachtung habe ich unzählige faszinierende Momente erlebt. Auf dieser Seite möchte ich einige besondere Erlebnisse und Beobachtungen mit Ihnen teilen - Geschichten, die meine Begeisterung für diese wunderbaren Insekten am besten widerspiegeln.

Der erste Schlupf

Manche Erlebnisse vergisst man nie. Als ich als junger Mann zum ersten Mal den Schlupf einer Großen Königslibelle beobachtete, war ich wie gebannt. Es war ein warmer Junimorgen am Waldsee bei Frankfurt. Ich hatte bemerkt, dass eine Larve am Schilfhalm nach oben kletterte, und setzte mich hin, um zu warten.

Was dann folgte, war eines der erstaunlichsten Naturschauspiele, das ich je gesehen habe: Wie sich der Thorax der Larvenhülle öffnete, wie die zusammengefaltete Libelle sich langsam herausschob, kopfüber hing, sich dann aufrichtete und ihre Flügel entfaltete. Über zwei Stunden dauerte es, bis sie schließlich in den blauen Himmel abhob. Von diesem Moment an war ich hoffnungslos "infiziert".

Die Quelljungfer im Taunus

Jahrelang hatte ich von der Zweigestreiften Quelljungfer gehört, dieser majestätischen Libelle der Waldbäche. Doch die Art schien mir immer zu entgehen. Dann, an einem schwülen Julitag, wanderte ich einen kleinen Bach im Taunus entlang - eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem.

Plötzlich sah ich sie: Eine gewaltige schwarz-gelbe Libelle, die in niedrigem Flug über das Wasser patrouillierte, den Blick nach unten gerichtet. Ich stand regungslos, wagte kaum zu atmen. Die Quelljungfer kam näher, flog an mir vorbei - so nah, dass ich das Summen ihrer Flügel hören konnte - und setzte ihre Patrouille fort. Ein Erlebnis, das mir heute noch Gänsehaut bereitet.

Paarungsrad in der Morgensonne

Die Paarung der Libellen ist eines der faszinierendsten Verhaltensweisen im Tierreich. Das Paarungsrad - diese einzigartige Körperhaltung - ist bei keiner anderen Insektengruppe zu finden. Besonders eindrucksvoll habe ich es bei Blauflügel-Prachtlibellen erlebt.

An einem sonnigen Maimorgen an der Nidda beobachtete ich, wie ein Männchen sein Revier verteidigte. Dann erschien ein Weibchen. Was folgte, war ein regelrechter Balztanz: Das Männchen präsentierte seine tiefblauen Flügel in einem speziellen Flatterflug. Als das Weibchen "einwilligte", bildeten beide das charakteristische Herzform-Rad. In der Morgensonne leuchteten ihre metallisch-grünen Körper wie Juwelen.

Eiablage der Weidenjungfer

Die Gemeine Weidenjungfer legt als einzige heimische Libelle ihre Eier in Baumrinde ab - ein völlig ungewöhnliches Verhalten. Jahre nachdem ich davon gelesen hatte, konnte ich es endlich selbst beobachten.

Es war ein warmer Septembernachmittag an einem Teich im Vogelsberg. An den überhängenden Weidenzweigen entdeckte ich mehrere Paare in Tandemstellung. Die Weibchen bogen ihre Hinterleiber nach vorne und stachen rhythmisch in die Rinde. Dabei arbeiteten sie sich Zentimeter für Zentimeter den Zweig entlang. An manchen Zweigen saßen fünf oder sechs Paare gleichzeitig! Die charakteristischen "Eilogen-Warzen" in der Rinde sind übrigens noch Jahre später sichtbar - ein Zeichen vergangener Libellensommer.

Die seltene Moosjungfer

Moorlibellen haben es mir besonders angetan. Sie stellen hohe Ansprüche an ihren Lebensraum und sind daher gute Indikatoren für intakte Ökosysteme. Die Entdeckung einer Großen Moosjungfer in einem Hochmoor der Rhön gehört zu meinen wertvollsten Funden.

Das Moor war schwer zugänglich, die Moospolster federten unter meinen Füßen. Zwischen den Torfmoosen entdeckte ich zunächst die Exuvien - ein sicherer Beweis für die Bodenständigkeit der Art. Dann, nach stundenlangem Warten, sah ich endlich ein Männchen: leuchtend blau bereift, mit den charakteristischen dunklen Flügelflecken. Ein seltener Anblick, den ich nie vergessen werde.

Massenschlupf am Teich

Manchmal bietet die Natur Schauspiele, die man kaum für möglich hält. An einem Juniwochenende erlebte ich am Gartenteich eines Freundes einen Massenschlupf von Vierflecken. Dutzende von Larven hatten sich in der Nacht aus dem Wasser gezogen und hingen nun an den Halmen.

Im Laufe des Vormittags schlüpften sie nahezu gleichzeitig. Die Luft war erfüllt vom leisen Rascheln der sich entfaltenden Flügel. Gegen Mittag, als die Flügel ausgehärtet waren, erhoben sich die frisch geschlüpften Libellen in die Luft - ein glitzernder Schwarm, der sich über dem Teich verteilte. Ein unvergessliches Erlebnis, das zeigt, wie viel Leben ein kleiner Gartenteich beherbergen kann.

Wanderlibellen

Auch Libellen wandern - manche Arten legen dabei erstaunliche Strecken zurück. Die Feuerlibelle ist ursprünglich eine mediterrane Art, die sich in den letzten Jahrzehnten immer weiter nach Norden ausgebreitet hat. Heute ist sie in Hessen keine Seltenheit mehr.

Besonders eindrucksvoll war für mich die Beobachtung eines regelrechten "Einfluggeschehens" an einem heißen Augusttag. Am Mainufer bei Frankfurt tauchten plötzlich Dutzende dieser leuchtend roten Libellen auf - Wanderer aus dem Süden, die von den warmen Winden nach Norden getragen worden waren. Ein lebendiges Zeichen dafür, dass sich auch die Libellenwelt im Wandel befindet.

Ihre Beobachtungen

Haben auch Sie besondere Libellenerlebnisse, die Sie teilen möchten? Ich freue mich über jede Nachricht über das Kontaktformular. Vielleicht finden auch Ihre Geschichten eines Tages ihren Platz auf dieser Seite.

Denn das ist es, was die Libellenbeobachtung so besonders macht: Jeder Tag am Wasser kann neue Überraschungen bringen. Man muss nur die Augen offen halten - und manchmal ein wenig Geduld haben.