Lebensräume der Libellen
Libellen sind aufgrund ihres Lebenszyklus auf Wasser angewiesen. Die Larven verbringen oft mehrere Jahre im Wasser, bevor sie als geflügelte Insekten schlüpfen. Dabei bevorzugen verschiedene Arten ganz unterschiedliche Gewässertypen – von der kühlen Quelle bis zum warmen Gartenteich, vom langsam fließenden Bach bis zum nährstoffreichen Moor.
In meinen Jahrzehnten als Libellenbeobachter habe ich gelernt: Wer die Lebensräume kennt, weiß auch, welche Arten er dort erwarten kann. Und umgekehrt: Die Anwesenheit bestimmter Libellen verrät viel über den Zustand eines Gewässers.
Die wichtigsten Lebensräume
In Mitteleuropa besiedeln Libellen verschiedene Gewässertypen. Wählen Sie einen Lebensraum, um mehr über seine Besonderheiten und die dort vorkommenden Arten zu erfahren:
Quellen
Kühle, sauerstoffreiche Quellbereiche sind der Lebensraum hochspezialisierter Arten wie der Quelljungfern.
Fließgewässer
Bäche und Flüsse beherbergen Prachtlibellen, Flussjungfern und andere strömungsliebende Arten.
Stehende Gewässer
Seen, Weiher und Teiche sind der artenreichste Lebensraum – hier finden sich die meisten Libellenarten.
Moore
Saure, nährstoffarme Moorgewässer beherbergen Spezialisten wie die Große Moosjungfer.
Gartenteich
Auch kleine Gartenteiche können wertvolle Lebensräume für Libellen sein – mit etwas Glück sogar für seltene Arten.
Süßwasser als Grundvoraussetzung
Libellen benötigen Süßwasser für ihre Entwicklung. Einige sehr tolerante Arten können zwar leichtes Brackwasser akzeptieren, aber im Salzwasser lebende Arten wurden bisher nicht nachgewiesen. Die verschiedenen Arten haben sich an ganz unterschiedliche Gewässertypen angepasst – manche sind sehr wählerisch, andere überraschend flexibel.
Rekorde und Extreme
Die Anpassungsfähigkeit von Libellen ist bemerkenswert. Hier einige Beispiele, die mich immer wieder beeindrucken:
Nördlichste Vorkommen
Die nördlichste Libellenart ist Somatochlora sahlbergi, die in arktischen Gebieten bis etwa 70° Nord vorkommt – weit jenseits des Polarkreises. Durch den Einfluss des Golfstroms wurden einige Arten sogar bei 77° Nord nachgewiesen.
Höchste Fundorte
Der höchste Nachweis einer Libelle (Pantala flavescens) gelang bei etwa 6.200 Metern im Himalaya – mehr als doppelt so hoch wie die Zugspitze.
Ungewöhnliche Entwicklungsorte
In den Tropen entwickeln sich manche Arten in wassergefüllten Baumlöchern, Blattachseln von Bromelien oder sogar in hohlen Bambusstängeln. In Mitteleuropa sind Libellen jedoch auf „echte" Gewässer angewiesen.
Extreme Toleranz
Die Blaugrüne Mosaikjungfer ist eine der anpassungsfähigsten Arten. Es wurde dokumentiert, dass sie sich sogar in einer Güllegrube erfolgreich entwickeln konnte – obwohl die tieferen Schichten völlig sauerstofffrei waren. Diese Flexibilität erklärt, warum diese Art so häufig ist.
Libellenschutz ist Lebensraumschutz
Dieser Grundsatz kann nicht oft genug betont werden. Die Gefährdung vieler Libellenarten liegt nicht an den Libellen selbst, sondern an der Zerstörung oder Beeinträchtigung ihrer Lebensräume. Wenn Quellen zugeschüttet, Bäche begradigt, Moore entwässert oder Teiche mit Fischen besetzt werden, verschwinden auch die Libellen.
Umgekehrt gilt: Nur durch den Schutz naturbelassener Gewässer können wir die Vielfalt unserer heimischen Libellen erhalten. Jeder naturnahe Gartenteich, jeder unverbaute Bachabschnitt ist ein kleiner Beitrag zum Schutz dieser faszinierenden Insekten.