Lebensraum Quelle

Waldquelle als Libellenlebensraum
Eine naturnahe Waldquelle - Lebensraum der seltenen Quelljungfern.

Quellen nehmen unter den Libellenlebensräumen eine Sonderstellung ein. Man könnte sie zwar als Beginn eines fließenden Gewässers betrachten, doch aus der Sicht der Libellen unterscheiden sie sich grundlegend von Bächen und Flüssen. In meinen Jahren als Beobachter habe ich gelernt, dass nur wenige, hochspezialisierte Arten mit diesem anspruchsvollen Lebensraum zurechtkommen.

Kennzeichen des Lebensraums

Das wichtigste Merkmal von Quellen ist ihre konstante Wassertemperatur. Da das Wasser aus dem Untergrund zutage tritt, bleibt die Temperatur das ganze Jahr über relativ gleichmäßig bei kühlen 8 bis 10 °C. Dieser Lebensraum weist die geringsten Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter auf – ein Umstand, der besondere Anpassungen erfordert.

Die Größe des Lebensraums ist meist sehr begrenzt. Das Wasser tritt oft breitflächig aus dem Boden und bildet zunächst kleine Quellpfützen oder Quellbächlein, die sich erst einige Meter weiter zu einem kleinen Bach vereinigen. Je nach Speisung durch Grund- oder Regenwasser kann es auch vorkommen, dass eine Quelle zeitweise versiegt.

Anforderungen an die Libellen

Die konstant niedrige Wassertemperatur hat weitreichende Folgen: Bei kühlen Temperaturen können sich nur wenige Kleinlebewesen entwickeln, die den Libellenlarven als Nahrung dienen. Das Nahrungsangebot ist daher gering. Hinzu kommt der begrenzte Raum – die Larven sind auf die kleinen Quellpfützen angewiesen.

Mit diesen extremen Bedingungen kommen nur hochspezialisierte Arten zurecht. In Mitteleuropa sind dies ausschließlich die Arten der Familie Quelljungfern (Cordulegastridae). Wegen der vielen Einschränkungen haben ihre Larven die längste Entwicklungszeit aller heimischen Libellen: Sie kann bis zu fünf Jahre betragen – eine erstaunliche Zeitspanne im Vergleich zu anderen Arten, die nur ein bis zwei Jahre als Larve verbringen.

Gefährdung der Quelllebensräume

Quellen sind in besonderem Maße gefährdet, weil sie für menschliche Nutzungen oft „störend" sind:

Zuschüttung

Im Wald oder auf landwirtschaftlichen Flächen werden Quellbereiche häufig zugeschüttet oder mit Reisigbündeln abgedeckt, um die Bewirtschaftung zu erleichtern. Die Libellen finden dann keine geeigneten Eiablageplätze mehr und verschwinden.

Touristische Erschließung

Manche Quellen werden touristisch „erschlossen" – der Quellaustritt wird dekorativ in Beton gefasst, das Wasser läuft in geordneten, eingefassten Bahnen ab. Was für den Besucher romantisch aussehen mag, bedeutet das Ende für die Libellen: Ohne die natürlichen kleinen Pfützen können sich keine Larven entwickeln.

Grundwasserabsenkung

Durch Trinkwassergewinnung oder Entwässerungsmaßnahmen in der Umgebung kann der Grundwasserspiegel sinken, sodass Quellen weniger Wasser führen oder ganz versiegen.

Arten des Lebensraums Quelle

Folgende Libellenarten sind in Mitteleuropa an Quellen gebunden:

  • Gestreifte Quelljungfer (Cordulegaster bidentata)

    Die seltenste der drei Quelljungfern, bevorzugt Waldquellen in Hanglagen.

  • Zweigestreifte Quelljungfer (Cordulegaster boltonii)

    Die häufigste Quelljungfer, kommt auch an kleinen Waldbächen vor.

  • Große Quelljungfer (Cordulegaster heros)

    Die größte europäische Libelle, in Österreich und angrenzenden Gebieten.

Schutz von Quelllebensräumen

Der Schutz von Quellen ist entscheidend für das Überleben der Quelljungfern. Naturbelassene Quellbereiche sollten unbedingt erhalten werden – jede Veränderung kann fatale Folgen haben. Wenn Sie auf Ihrem Grundstück eine Quelle haben, ist das ein besonderes Privileg: Mit etwas Rücksicht können Sie einen wertvollen Lebensraum für diese faszinierenden Großlibellen bieten.

Achten Sie darauf, den Quellbereich nicht zu verändern, keine Verbauung vorzunehmen und die natürliche Vegetation zu erhalten. Die Quelljungfern werden es Ihnen mit ihrer Anwesenheit danken – und es gibt wenige eindrucksvollere Anblicke als eine dieser großen, schwarz-gelb gezeichneten Libellen beim Patrouillenflug über ihrem angestammten Revier.

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